getmad auch die bretter, die mancher vor dem kopf trägt, können die welt bedeuten
10. Mai 2018

Bist du auch doof?

Provokativ .. zugegeben ..

ich würde für nichts in der Welt einen Kredit aufnehmen. Einerseits finde ich das Gefühl jemandem (und sei es nur der Bank) etwas zu schulden extrem unangenehm. Auf der anderen Seite bin ich der Meinung man soll nur das kaufen was man sich direkt und bar leisten kann. Das gilt für Unterhaltungselektronik, für Autos und auch im besonderen für Immobilien und Grundstücke.

Wenn du dir im Elektronik Markt nen Fernseher finanzierst finde ich das allerdings weniger kritisch als wenn du dir ein Haus finanzierst. Im Grunde glaube ich, dass die Finanzierung von selbstgenutzten Wohneigentum viel risikoreicher ist als ein Kleinkredit.

Warum?

Die meisten Menschen die ich kenne bauen oder kaufen ein Haus und bezahlen dann über viele Jahre einen Kredit ab. Sind es 15, 20 oder 30 Jahre ist hierbei egal. Es sind alles sehr lange Zeitspannen. Man trifft diese Entscheidung meist wenn man so um die 30-35 Jahre alt ist. Man nennt es Nestbau. Feste Beziehung, vielleicht heiraten? Kinder? Eben das was die Mehrheit in dem Alter so macht, nachdem sie die „wilden“ Jahre rum hat. Sesshaft werden. Warum auch nicht?

Nun ich sehe das etwas anders.

Blicken wir mal auf das Leben eines 30 Jährigen zurück:

Die ersten fünf Jahre verbringt er als sabbernde Heulsuse am Rockzipfel seiner Eltern. Dann beginnt sie/er die Welt zu entdecken. Erst mal Schule und bevor man sich verguckt schlagen die Hormone zu .. Pubertät .. alles spielt verrückt. Schulabschluss, Ausbildung, Studium, saufen, Parties, Urlaub das volle Programm .. mit 25 meint man dann man ist der König der Welt und lebt ewig. Das erste eigene Geld die Liebe des Lebens und ab ins nächste Level. Im Bekanntenkreis wird geheiratet, die Vervielfältigung beginnt und man ist plötzlich erwachsen. Die anderen kaufen Häuser oder bauen .. verdammt .. das willst du auch.

Und hier beginnt das Problem.

Diese 30 Jahre waren eine Achterbahnfahrt. Als du 15 Jahre alt warst konntest du dir dein eigenes Ich im Alter von 30 nicht vorstellen .. oder? Nun triffst du aber eine Entscheidung welche die nächste 15 bis 30 Jahre deines Lebens bestimmen wird. Du schließt einen Kreditvertrag ab.

Das ist ernst. Das ist kein Spiel. Du bindest dich an einen Ort, an ein Leben, an einen Lebensstil du musst dir schon ziemlich sicher sein?

Ehen scheitern, wenn man sich einig ist muss das noch nicht mal teuer werden. Kinder werden flügge und sind schneller aus dem Haus als du denkst. Aber den Kreditvertrag wirst du nicht so schnell los. Vor allem jetzt nicht.

Echt jetzt?

Das Baugeld ist so billig wie nie, noch billiger geht nicht sonst müssten die Banken zu 0% verleihen. Jeder baut oder kauft gerade ein Haus. Die Immobilienpreise gehen durch die Decke. Günstig kaufen ist nicht mehr. Handwerker sind unbezahlbar wir haben die Speerspitze erreicht.

Steigen die Zinsen in dieser Phase nur um einen Prozentpunkt an, wird die Immobiliennachfrage zurück gehen und die Preise werden fallen. Dann bekommst du nicht mehr das was dich dein Haus gekostet hat, der Kredit bleibt aber der selbe.

Hast du dir die Zinsen nur auf 10 Jahre festschreiben lassen? Auch doof denn die Konditionen von heute wirst du nicht mehr bekommen. Deine Anschlussfinanzierung wird teurer. Finanzierst du mit zwei Gehältern oder mit einem? Hast du finanziell Luft zum atmen? Was ist wenn dein Partner ausfällt?

Alles kein Problem .. denkst du .. deine Ehe hält, dein Job ist sicher und überhaupt ist das alles nicht so dramatisch wie ich es hier schildere.

Mag sein .. oder auch nicht:

Hier im Dorf wird alle paar Jahre ein Neubaugebiet ausgewiesen. Dort beginnen dann die jungen Familien Häuser zu bauen. So haben das meine Eltern gemacht und der einzige Unterschied zu heute ist, dass die Häuser immer kleiner werden und die Baugebiete winzige Grundstücke haben und sehr „dicht“ sind. Haben alle gebaut toben draußen die Kinder rum, die Eltern arbeiten wieder und klein Matthias war eifrig dabei den Wald anzuzünden (andere Geschichte).

Dann betrügt der erste Nachbar seine Frau (bei uns war es der neue Dorfarzt) .. zack .. schönes Anwesen zu kaufen. Der Geschäftsführer einer Computerfirma ist mehr mit der Sekretärin beschäftigt (trotz der drei Kindern .. oder wegen?) und ein paar Monate später konnte man auch die Bude kaufen (200 m von mir entfernt). Der Lokführer findet heraus das er homosexuell ist (Nachbardorf) und die Frau des Beamten hat doch keine Lust mehr auf Familie und verlässt in windeseile die Gemeinde (700 m entfernt, außerdem reimt sich das).

Objektiv gesehen klappt es hier im Dorf (katholisch, CDU schwarz, konservativ) bei ca. einem Drittel der Paare nicht .. aber alle hatten ein Haus am Bein das dann schnell weg musste. Einige wenige haben die Finanzierung alleine gestemmt und wohnen noch hier und bei einem großen Teil ist es natürlich auch gut gegangen (ich will ja nicht so sein).

Nun glaube ich, dass ich in einer Filterblase lebe. Süddeutschland, Karlsruhe und Stuttgart sind nicht weit. Alle haben nen Job. Armut sehe ich hier nicht. Und ich frage mich dann wie das wohl in anderen Teilen der Republik sein muss?

So .. nachdem ich mit diesem Blogpost den Großteil meiner Freunde und Bekannten zu Idioten erklärt habe (Ich suche übrigens neue Freunde die ich beleidigen kann!) folgendes:

Klar .. es kann alles gut gehen. Und klar du willst bewusst so leben. Du meisterst Krisen und wirfst nicht hin. Komme was wolle.
Dann drücke ich dir ehrlich die Daumen.

Für mich ist das nichts.

Weltanschauungen und Pläne die ich vor 15 Jahren hatte sind längst in Rauch aufgegangen und ich habe keine Ahnung was die nächsten 10 Jahre bringen. Vielleicht werde ich Yogalehrer in Indien oder Kräutersammler im Schwarzwald?

Am Ende noch paar Fakten aus Deutschland:

  • Scheidungsrate 2016: ca. 40% (2005: 51%)
  • etwa ein Viertel aller Immobilienfinanzierungen geschieht ohne Eigenkapital
  • etwa 50% der Häuslebauer lassen sich die Zinsen nur auf 10 Jahre festschreiben
  • etwa 70% der Bauherren bringen maximal 50k Eigenkapital mit
  • dabei haben ca. 50% einen Kapitalbedarf der über 150k liegt
  • der größte Teil der Finanzierungen läuft über 20 bis 30 Jahre

Quellen: Immoscout, Postbank, Zeit, Statista

Kommentare:


  1. Felix

    Hi Matthias,
    wieder mal ein sehr erfrischender Beitrag!
    Ich bin selbst auch überzeugter Immobilienkauf-Gegner. Meine Frau und unser Umfeld (Freunde, Bekannte) sehen es leider immer noch komplett anders.Aber so ist es halt, wenn über Jahrzehnte eine Lobby aus Banken, Versicherungen, Immobilienhändlern, Maklern, Handwerkern und der Staat den Leuten erzählt wie toll ein eigenes Heim doch ist.
    Ich wünsche niemandem etwas Böses, freue mich aber auch schon ein bisschen auf die nächste Rezession und möglicherweise das Ende des Immobilienbooms. Bis dahin stehe ich lieber an der Seitenlinie.

  2. Der Depotstudent

    Hallo Matthias,

    nachdem ich die ersten zwei Absätze gelesen hatte, wollte ich Dir direkt mal in allen Punkten widersprechen. Nur um dann festzustellen, dass es gar nicht um das Konstrukt Kredit an sich geht, sondern um das Thema Eigenheim auf Kredit.

    Bei letzterem kann ich Dir uneingeschränkt zustimmen. Diese Problematik sehe ich auch. Vor allem aus dem Grund, dass die Zukunft absolut schlecht planbar ist. So ein Riesenklotz am Bein ist mit Sicherheit belastend (oder wird es, wenn sich im Leben etwas ändert), lohnt sich wirtschaftlich gesehen kein bisschen und stellt ein ungemeines Risiko dar.

    Ich bin ganz froh darüber, dass ich für mich entschieden habe, kein Eigenheim auf Kredit zu kaufen/bauen. Das gibt mir Flexibilität und Freiheit, das Geld lässt sich vermehren und ich bin am Ende nicht der Trottel, sollte die Ehe oder was auch immer in Brüche gehen. Wobei ich da natürlich trotzdem noch der Trottel sein kann. 😉

    Habe mich hier ( https://depotstudent.de/finanzielle-planung-als-student-vergiss-es/ ) auch mal damit auseinander gesetzt. Da geht es allerdings nicht ums Eigenheim, sondern mehr um diese 0815 Lebensführung und den Gedanken, dass man sich darauf nicht verlassen kann (und aus diesem Grund auch nicht den letzten Cent des Ersparten in Aktien oder ETFs stecken sollte).

    Bei was ich Dir allerdings nicht zustimmen kann bzw. was ich nicht nachvollziehen kann: Ich kann mir durchaus vorstellen, einen Kredit aufzunehmen. Niemals für den Bau des Eigenheims (das sage ich zwar heute so, aber wer weiß, was ich in ein paar Jahren denke), für andere Dinge aber sehr wohl.

    Für ein Immobilieninvestment (kein Eigenheim) kann es durchaus Sinn machen. Das möchte ich mir zwar persönlich nicht antun, ab einem gewissen Vermögen gibt es in diesem Bereich auch kein übergroßes Klumpenrisiko mehr und kann schön zur Diversifikation dienen. Und ja, selbst wenn man das Geld hat, ist es in diesem Fall oft günstiger, einen Kredit aufzunehmen und durch Miteinnahmen einen gewissen Selbsttilgungseffekt zu erzielen.

    Das gleiche gilt meiner Meinung nach auch für Aktien. Auch wenn es die wenigsten hören wollen oder direkt abweisend reagieren, lassen sich da ganz schöne Effekte erzielen. Ich rede hier nicht davon, das Depot mit einem Fremdkapitalanteil von 50 % aufzublasen, sondern davon, die langfristige Rendite mit einer Beimischung von Fremdkapital um wenige Prozentpunkte anzuheben. Das ruiniert nicht und ist bei den niedrigen Zinsen durchaus eine Überlegung wert. Ein bisschen leveragen schadet hier nicht und wenn die Beträge überschaubar sind, sodass der Kredit meinetwegen mit dem gesparten Anteil von 6-12 Gehältern bezahlt werden kann, sehe ich da auch ein eher geringes Risiko. Nachschusspflicht kommt bei dem kleinen FK-Anteil auch nicht ganz unverhofft und plötzlich. Also ja, auch hier könnte ich mir vorstellen, einen Kredit aufzunehmen (der dann aber nur 20 % meines Vermögens oder weniger ausmacht).

    Auch eine unternehmerische Tätigkeit kann einen Kredit erfordern und da sehe ich zwar klare Nachteile, die Vorteile und Chancen, die sich darauf ergeben überwiegen allerdings oft und da würde ich keinesfalls pauschal einen Kredit ablehnen, nur weil mir Kredite suspekt sind.

    Den Fernseher auf Pump finde ich dagegen absolut bescheuert. 😀 Konsumgüter auf Pump sind echt das Letzte. Sorry:D Aber das ist meine Meinung. Zwar weniger gefährlich als das Eigenheim, trotzdem Geldvernichtung vom Feinsten. Vor allem, da man das Geld wohl gar nicht hat.

    Das einzige Szenario, das ich mir ausmalen kann, in dem ich mir einen Fernseher auf Pump hole, ist Folgendes: Der Kredit für die unternehmerische Tätigkeit o.ä. ist höher als die 0 %-Finanzierung. Dann finanziere ich mir mein Unternehmen eben durch die zeitlich nach hinten verschobenen Cash-Flows für den Fernseher.

    Ist jetzt doch ein langer Kommentar geworden. 🙂 Ist aber auch ein schöner Artikel. Ich finde es sehr gut, wenn mal aus den 0815-Denkmustern ausgebrochen wird.

    Grüße vom Depotstudent Dominik 🙂

  3. mad

    @Felix

    Danke (auch für den prominenten Link) 🙂

    @Depotstudent

    Kreditleverage habe ich absichtlich außen vor gelassen .. die meisten verstehen das nicht und das Fass wollte ich nicht aufmachen. Aber du hast natürlich recht. Kannst du dir für 3% Geld leihen und es höher (recht sicher) verzinsen mag ein Kredit sinnvoll sein. Im unternehmerischem Umfeld sowieso, hier hast du ja ganz andere Möglichkeiten (Steuer, Abschreibungen usw.) Man sollte aber dann wissen was man tut. Leihst du dir Geld und zockst damit CFDs ist es das halt clever 😉

  4. Martin

    Das sind alles überlegenswerte Aspekte, über die man sich vor dem Kauf Gedanken machen sollte.
    Leider hat man manchmal leider keine andere Wahl, als sich eine Immobilie zu kaufen.
    Beispiele aus meiner Filterblase:
    1. Im ganzen Umkreis (ländliche Gegend, ca. 5 Dörfer in einer Gemeinde) gab es genau ein Haus zu mieten, und das war von der Gemeinde nur für ein Jahr befristet zur Verfügung gestellt.
    2. Wenn man Haustiere besitzt findet man kaum ein Mietobjekt.
    3. Einfamilienhäuser (falls Du eine Familie hast) zu mieten ist auch kaum möglich – es gibt kaum welche, und dann z.B. nur mit 5 Jahren Mindestmiete.
    Ich schätze, wenn man an diesem Punkt angelangt ist, dann ist der Kauf auf Pump oft die einzige Wahl. Fünf Jahresgehälter für einen Kauf hat ja nicht jeder auf der hohen Kante liegen.

  5. mad

    @Martin

    klar .. ich habe weder Familie, noch Haustiere und dementsprechend eine andere Sichtweise auf das ganze Thema
    ich will mir auch nicht anmaßen objektiv zu sein 😉

    außerdem glaube ich (da du das hier gelesen hast) das ihr euch lange Gedanken darüber gemacht habt und dementsprechend wisst was auf euch zukommt

    ich wünsche euch viel Glück!

  6. Martin

    Danke für die Glückwünsche, die kann ich immer brauchen.

    Inzwischen lebt der Hund nicht mehr, aber ich genieße den Garten im Sommer. Insofern war es eine Lebensstil-Entscheidung. Und nach 6 Jahren sind 40 Prozent abgezahlt, von daher bin ich guter Dinge.

    Und ja: Alle Fragen, die Du im Artikel aufgeworfen hast, haben wir uns im Vorfeld gestellt.

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