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10 Jahre ist es her. Damals war ich Anfang 14. War seit ein paar Monaten im Heim. Neue Umgebung, alles irgendwie komisch. Ich war durch vorangegangene Ereignisse sehr Ängstlich, sehr ängstlich.

Die Hausleitung wollte, als ich in der Küche stand, mich aus meiner Komfortzone puschen und gab mir einen Auftrag:

PASCAL DU MACHST JETZT FÜR DIE WG KARTOFFELBREI – AUS DER TÜTE!

Panik! Kartoffelbrei! Was? Das habe ich noch nie gemacht! Werde ich jetzt angeschrien, was passiert wenn ich was falsch mache? Werde ich dann genauso wie zuhause wieder geschlagen? Lande ich wieder im Krankenhaus? Was werden die anderen Heimkinder denken? brrzzz

Meine Leitung rauschte ab. Der Körper erstarrte. Ich stand wie angewurzelt neben dem Kühlschrank. Der innerliche Druck stieg. Die Betreuerin schaute mich verdutzt an, als habe ich sie nicht verstanden. Sie wiederholte ihre Aufforderung und stellte mir die Packung an die Kochzeile. 

Der Kessel kochte über. Ich brach in Tränen aus, bat sie das zu lassen. ICH WILL LEBEN! ICH will nicht wieder das erleben! Ich will nicht ausgelacht werden! Ich flehte sie an was anderes machen zu können. “Ich fege den ganzen Hof oder die Küche, das Bad putze ich auch gerne”
Sie schaute mich an. ”Okay Pascal, du kannst auch den Rest des Tages aufs Zimmer. Mach ich doch einfach den Kartoffelbrei für die Gruppe”
Komplette Entspannung bei mir. Zwar ein wenig wütend, aber sichtbar entspannter drehte ich mich um, ging die Treppe hoch zu mein Zimmer. Meine Betreuerin hatte wohl nicht damit gerechnet, dass mein Zimmer eine viel angenehmere Alternative für mich war. 

Als ich die oberen Treppenstufen erreicht habe, rief mir meine Betreuerin von unten zu: “Du kannst solange auf deinem Zimmer bleiben, bis du den Kartoffelbrei gemacht hast. Pascal”. Da zu dem Zeitpunkt wirklich jeder Kontakt für mich purer Stress bedeutet hatte, war das Zimmer eine erstaunlich angenehme Alternative. Als ich nach einiger Zeit immer noch kein Interesse zeigte mein Zimmer zu verlassen, weil es echt angenehm war, wurde ich wieder nach unten in die Küche geschickt. 

Kartoffelbrei die 2. 

Ich stand wieder in der Küche. Diese gelbe Packung, von der riesen Unsicherheit, die mich anlachte stand auch dort. Ein düsteres Lachen, so schrill welches nur die düstersten Wesen aus der Hölle hätten hören können.
Betreuer: ”Pascal du machst jetzt den Kartoffelbrei, wir spielen jetzt draußen Fußball mit der Gruppe!” Ich erstarrte wieder. Diese Packung war für mich wie eine giftige Schlange, nicht anfassen! Aber auch niemals aus den Augen lassen. Nach den längsten 5 Minuten meines Lebens, kam eine Betreuerin rein. Sie schaute mich an. “Zum Abendbrot um 18 Uhr muss es fertig sein” Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch gut zweieinhalb Stunden für Tütenkartoffelbrei.

Ein Kind lief durch die Küche, die bei uns Hauptdurchgang von allem war, sah mich nutzte die Chance. Stichelte nur kurz. Brzzz. Pascal Down. Pascal Flucht. Schwups war ich wieder auf dem Zimmer. 2 Minuten später kamen meine Betreuer hinterher. Meine Kleider waren halb durchgeschwitzt. Bei mir regierte nicht mehr Rationalität sondern die Angst. 

Alle guten Dinge sind drei! 

Noch einmal in die Küche. Diesmal stand eine Betreuerin dabei. Die meine Ängste, die ich offen kommunizierte, entgegen trat. Es war zwar für uns beide immer noch ein bedeutsamer Kraftakt. Wir kamen aber voran. Ich näherte mich der Quelle meiner Angst und nahm sie in die Hand.

Mittlere was?

Ich las die Packungsbeschriftung. Mittlere Hitze? Was hat das zu bedeuten. Wir haben hier nur 1,2,3,4,5,6,7,8. Es gibt keine Mitte! Brzzz Schreie und tränen. Kein Witz ich habe wegen TÜTENkartoffelbrei einen halben Nervenzusammenbruch bekommen. Zum Schluss habe ich es geschafft jeden eine große Portion Kartoffelbrei zu “kochen”.

Heute, ist es natürlich absolut kein Problem mehr Kartoffelbrei zu machen. zugegebenermaßen mit der Tütenversion hätte ich aus geschmackstechnischen Punkten so meine Probleme, aber nicht mehr aus Angst. 

Was hat das mit der Selbständigkeit zu tun?
Genauso wie ich meine Ängste hier überwunden habe, so habe ich sie bei vielen anderen überwunden. Durch einfache Konfrontation, mit einem kleinen Stupser. Ich neige aus Angst zum überdenken von Sachen und zur Prokrastination.

Ich glaube, bei der Selbständigkeit bin ich in einer ähnlichen Situation angekommen. Der @Der-Autodiktat gibt mir immer mal wieder ein Stubser. Ich falle dennoch oft in alte Muster.

Er stellte mir vor kurzem die Frage:
Pascal, was willst du sein? Denker oder Macher? 

Ganz klar MACHER!

Ich höre oft, Pascal die Selbständigkeit ist doch das Falsche für dich. (“Man sieht du hast Angst vor gewissen Sachen”) Ja, ich mag zwar nicht der beste Selbstdarsteller sein. Ja, ich mag nicht immer sehr selbstüberzeugt zu sein. Ja, es gibt wahrscheinlich Millionen Menschen die bessere Startbedingungen haben als ich. Ja, ich überdenke zu viele Sachen. Und ja, ich habe vor verdammt vielen Dingen fucking viel Angst. 

ABER:

Wenn es danach ginge, hätte ich niemals alleine gekocht. Niemals alleine einen Schritt nach draußen gesetzt. Niemals wieder Kontakt zu Menschen aufgebaut, niemals Sex gehabt. Das Leben besteht für mich aus Wachstum. Streben nach persönlichem Wachstum und Weiterentwicklung. Und dafür steht für mich die Selbständigkeit.

Ja. Ich habe noch vieles zu lernen. Aber ich bin bereit dafür!

Deshalb habe ich mir selbst die: 2 Minuten Challenge gesetzt. Für den nächsten Monat.
Pascal liegt mal wieder eine Stunde im Bett und denkt drüber nach sich im Fitnessstudio anzumelden? Macht sich Gedanken was wäre wenn Person x, Y mich mit Klamotte z sieht.
Nicht nächsten Monat! Binnen 2 Minuten wird entschieden. 

Kunde fragt am Freitag an. Anstatt das ganze WE in Panik zu verfallen was alles passieren könnte. 2 Minuten → Danach beginnt die Angebotserstellung, oder es wird abgelehnt.

Pascal denkt wieder einen ganzen Tag im Bett nach wie er den Artikel für Dominik perfekt werden lassen kann? 2 Minuten darf er grübeln → Danach wird sich wirklich an die Arbeit gesetzt.

Pascal will eigentlich Party machen. Innerliches hin und her. Nicht mehr! Diesen Monat. 2 Minuten für die Entscheidung. Hell Yeah, eigentlich habe ich wie fast jedes WE Bock darauf es mal auszuprobieren. Neue Menschen kennen zu lernen, auch wenn ich danach Platt bin.
oder:
Nein. Die Entscheidung steht für das WE. Statt ewiges Rumgegrübel, welches bis Samstag Nacht anhält. 

Ängste und Entscheidungen sind wie Muskeln, diesen Möchte ich trainieren. Sei es beim Essen, in der Selbständigkeit, ob ich Personen Antworte. Wenn ich das hinbekomme wäre dies ein riesiger Boost.

Euch alles Gute. 

Euer Pascal

Kommentare:


  1. Rina

    Danke für das Teilen von Pascals Geschichte! Von seinen Erfahrungen können wir alle was mitnehmen für uns. Ich denke jeder hat Ängste in gewissen Bereichen. Manche mehr, manche weniger, aber man muss sich ihnen stellen und sich damit auseinander setzen. Das 2-Minuten-Prinzip finde ich gut und werde ich jetzt auch mal ausprobieren, da ich auch extrem dazu neige zu viel nachzudenken und alles überanalysiere.

    Habe deinen Blog neu entdeckt und finde ihn super! Ich mag deine direkte Art 🙂

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