Darüber wollte ich schon länger mal was schreiben .. es geht darum:
Warum ist es so schwer ist mit dem Status Quo zufrieden zu sein?
Oder auch warum Menschen immer nach „mehr“ streben.
Stell dir zwei Steinzeitmenschen vor: Horst und Ludger.
Horst erlegt ein Mammut.
Er isst sich satt, legt sich in seine Höhle, ist tief zufrieden und denkt: Das reicht. Ich bin glücklich. Morgen bleibe ich liegen.
Horst bleibt liegen. Auch übermorgen. Er hat ja noch Reste. Als die Reste aufgebraucht sind, hat er keine Vorräte angelegt, keine Werkzeuge verbessert und keinen besseren Unterschlupf gebaut.
Der nächste Winter tötet ihn.
Ludger erlegt ein Mammut.
Er isst sich satt und fühlt sich gut. Aber schon am nächsten Morgen meldet sich die innere Unruhe. Was, wenn morgen kein Mammut kommt? Ich sollte Fleisch trocknen. Ich brauche einen besseren Speer. Die Höhle hat einen Riss, da zieht es rein.
Ludger ist nie vollständig zufrieden. Er optimiert ständig. Er überlebt den Winter.
Er pflanzt sich fort.
Ludgers Gene haben gewonnen.
Du bist ein direkter Nachfahre von Ludger. Dein Gehirn ist so gebaut, dass Zufriedenheit immer nur kurz anhält, damit du nie aufhörst, dich zu verbessern, zu jagen, zu sammeln, vorzusorgen.
Tolle Geschichte .. Ludger ist mein UrUrUrUrUrOpa .. und jetzt?
Das Hormon hinter den Entscheidungen von Ludger heißt Dopamin.
Dopamin ist übrigens kein Glückshormon.
Dopamin ist eher ein Vorhersage Hormon.
Es wird ausgeschüttet, wenn dein Gehirn eine Belohnung erwartet, nicht wenn du die Belohnung erhältst.
Der Neurowissenschaftler Wolfram Schultz hat das in einem Experiment mit Affen bewiesen:
- Phase 1: Ein Affe drückt einen Hebel und bekommt Saft. Dopamin wird ausgeschüttet, wenn der Saft kommt. Der Affe ist glücklich.
- Phase 2: (nach einigen Wiederholungen) Der Affe hat gelernt: Hebel = Saft. Jetzt wird das Dopamin bereits beim Anblick des Hebels ausgeschüttet .. also in der Erwartung. Wenn der Saft dann tatsächlich kommt, passiert neurochemisch fast nichts mehr. Die Belohnung selbst löst kein Dopamin mehr aus.
- Phase 3: Wenn der Affe den Hebel drückt und der Saft nicht kommt, bricht der Dopaminspiegel ein. Der Affe wird wütend und ist frustriert.
Das Beschriebene oben nennt man Reward Prediction Error. Das Dopamin-System lernt aus der Differenz zwischen dem, was man erwartet hat, und dem, was tatsächlich eintritt:
- Positiver Fehler (besser als erwartet): Starker Dopamin Ausschüttung (Motivation zum Wiederholen).
- Kein Fehler (wie erwartet): Keine Änderung der Dopamin Ausschüttung.
- Negativer Fehler (schlechter als erwartet): Hemmung der Dopamin Ausschüttung.
Oder kurz: Dein Gehirn gibt dir den Kick beim Jagen UND NICHT beim Haben.
Ein Beispiel:
Jeden Morgen stehst du auf, stapfst ins Bad, steigst in die Dusche, drehst einen Hahn auf .. innerhalb von 10 Sekunden strömt perfekt temperiertes, warmes Wasser über deinen Körper.
Für 99% der gesamten Menschheitsgeschichte war das unvorstellbarer Luxus. Selbst Könige im Mittelalter wären neidisch wenn sie das sehen könnten. Vor 100 Jahren musste deine Urgroßmutter Wasser am Brunnen holen, auf dem Holzherd erhitzen und in eine Zinkwanne schütten.
Du stehst heute unter deiner heißen Dusche und denkst dabei an .. rein gar nichts.
Anderes Beispiel:
Du willst ein neues Auto kaufen, beschäftigst dich wochenlang mit den verschiedenen Modellen, kennst den Konfigurator auswendig, hast alle YouTube Videos dazu gesehen und alle Testberichte gelesen. Du macht eine Probefahrt.
In deinem Gehirn ist Dopamin Party.
Aber nicht wegen des Autos .. sondern wegen der Vorfreude auf den Besitz. Dein Gehirn malt sich aus, wie du vorfährst, wie die Nachbarn schauen, wie sich das Lenkrad anfühlt. Die Vorfreude ist der intensivste Teil des gesamten Erlebnisses. Und du weißt es nicht.
Dann holst du das Auto ab .. dein Herz rast, du fährst extra Umwege, nur um länger im Auto zu sitzen. Du parkst weit weg von anderen Autos, damit niemand eine Delle reinfährt. Du riechst das neue Leder, du machst Fotos und postest die auf Insta.
Nach 3 Monaten .. du fährst das Auto zur Arbeit. Es ist dein Auto. Es fährt. Der Neue-Leder-Geruch ist weg.
Nach 12 Monaten .. du ärgerst dich über den ersten Kratzer im Lack, die Inspektion kostet 950€ und du schaust dir auf YouTube den neuen Mercedes an und denkst: Mmmmh .. eigentlich ..
Das Auto hat sich von einem Glücksmoment in ein neutrales Hintergrundobjekt verwandelt. Dein Glücksniveau ist exakt dort, wo es vor dem Kauf war.
Ein letztes Beispiel:
Als ich das erste mal 100.000 Euro im Depot hatte konnte ich den ganzen Tag an nix anderes denken, ich hab Leute gefragt was sie denn machen würden wenn sie plötzlich zu 100k kommen würden. Ich hab mehrmals am Tag ins Depot geguckt. Das war schon ein kleiner Rausch. Ich habe an dem Tag nicht an „mehr“ gedacht
Als ich 500k im Depot hatte: Krass, das ich echt viel Geld. Aber es müsste etwas mehr sein wegen FIRE und so.
Heute schaue ich auf weit mehr und für mich ist es normal geworden .. es ist schlicht nichts außergewöhnliches mehr.
TL;DR
- Dein Gehirn wurde 300.000 Jahre darauf programmiert niemals dauerhaft zufrieden zu sein .. weil zufriedene Steinzeitmenschen gefressen wurden oder halt erfrieren (Armer Horsti).
- Dopamin belohnt das Jagen .. nicht das Haben. Der Nervenkitzel liegt in der Vorfreude auf den Kauf, nicht im Besitz. Sobald du etwas hast, fährt dein Gehirn das Glücksgefühl herunter und sucht das nächste Ding.
- Du gewöhnst dich schlicht an alles. Egal ob Porsche, Malediven Urlaub oder zwei Millionen im Depot nach .. 3-6 Monaten ist das Außergewöhnliche das neues Normal, und du willst mehr.
Und das ist das Problem .. du hast die Latte eine Sprosse nach oben gelegt und um den nächsten Kick zu bekommen musst du eins oben drauf setzen ..
Dein Gehirn will nicht, dass du je ankommst.
Es will, dass du weiterläufst.
Ein Spiel das du nicht gewinnen kannst.
„Dein Gehirn will nicht, dass du je ankommst.“
Wo will man auch ankommen? Man kann nirgendwo ankommen. Das Leben ist im ständigen Fluss, im Auf und Ab.
„Ein Spiel das du nicht gewinnen kannst“. Nein, das Spiel des Lebens kann man nicht gewinnen. Aber man kann es spielen. Dafür ist es da. Wenn Du es ihm erlaubst. Wenn Du es so siehst. Als Spielwiese mit Deinen eigenen Rahmenbedingungen. Du bist der Schöpfer Deiner Gedanken und letztendlich daraus resultierenden Handlungen. Stell Dir vor Deine Gedanken wären ganz anders. Oder Du würdest Sie als das sehen was sie sind. Lärm. 95% davon sind Lärm. Du kannst Dich natürlich mit allem beschäftigen, macht aber keinen Sinn und ist kontraproduktiv.
Wenn man sich sein Leben lang nur damit beschäftigt, sein Geld zu maximieren, sich selbst zu optimieren, dann ist man immer eine getriebene Ratte im goldenen (offenen) Käfig. Die „Besinnung“ auf das wesentliche (und das ist nicht Geld) muss von Innen kommen, jedes Wort von Außen das nicht dem Confirmation Bias entspricht, wird innerlich abgelehnt.
Gene. Ja. Das kann man nicht abstreiten. Aber selbst Gene sind kein Grund um aufzugeben und das alles so hinzunehmen. Wenn man seinen Geist zur Ruhe bekommt, dann hat auch Deine Seele Ruhe. Aber genau das, möchten weder unsere Medien, unsere Politik, unser Rentensystem, unsere Mitmenschen und schon gar nicht unsere Marketingabteilungen der Konsum- und Lebensmittelindustrie.
Wir sind das eigentlich Produkt und stecken fest in unserem Wohlstand. Träge. Satt. Komfortzone.
Pack Dir mal einen Rucksack mit nur dem nötigen. Gehe 6 Wochen als Backpacker durch ein Land das Du interessant findest. Durch Wind und Wetter. Ohne Laptop. Gehen bis zur Erschöpfung. Danach weißt Du was Du brauchst und was nicht. Und Du lernst was kennen, was die wenigsten noch haben. Demut.
Viele Grüße
Spricht mir aus der Seele. Beim Beispiel mit der tollen neuen Karre (was hab ich die Artikel bzgl. deines Wohnumfeldes genossen) spielt dann ja noch die Lifestyle-Inflation mit rein, und der Aufwand bzgl. Wartung/Kratzerentfernung/Parkplatzsuche… (Joy-to-Stuff-ratio)
Schön gesagt.
Wo ziehst du für dich die Grenze?
Welches ist das richtige Level an Komfort?
Beispiel Autokauf:
Es muss sicher kein Porsche sein.
Aber ein gebrauchter Daihatsu Baujahr 1996 ist auch nicht die richtige Wahl.
Da ich dich als eine Art bodenständiges Vorbild sehe, wäre ich dir über eine grundsätzliche Einordnung zu solchen Fragen sehr dankbar. Wonach lohnt es sich zu streben, und ab wann wird es zu viel?
Sehr interessante und coole Ausführung, gerne mehr davon! Let’s go deep 🙂
Man muss ja nicht gewinnen, sondern idealerweise bissel Spaß auf dem Weg haben.
@Stephan
Ja .. das mit dem ankommen ist eigentlich der Kern der ganzen Geschichte. Ich glaube auch nicht daß man irgendwo ankommt. Aber ich glaube man kann lernen das Laufen zu genießen statt permanent auf ne Ziellinie zu starren die es nicht gibt.
Und du hast recht .. 95% der Gedanken sind Lärm.
Das mit dem Rucksack und 6 Wochen Backpacking kann ich nur unterschreiben. Ich hab das mehrfach gemacht und jedes Mal kam ich zurück und hab mich gefragt warum ich den ganzen Kram in meiner Wohnung eigentlich brauche. Nichts hat meinen Horizont so erweitert und meinen Blick auf die Welt so stark verändert wie wochenlang mit dem Rucksack durch ferne Länder zu streifen.
@L-Ray
Joy-to-Stuff-Ratio .. den Begriff kannte ich noch nicht aber der ist gut. Im Grunde ist das der Grenznutzen in drei Worten zusammengefasst. Je mehr Stuff desto weniger Joy pro Einheit.
@Stefan
Gute Frage .. und ehrlich gesagt keine die ich pauschal beantworten kann weil das halt extrem individuell ist. Aber ich versuch es mal.
Meine persönliche Faustregel war immer: Gib Geld aus für Dinge die dir entweder Zeit sparen, eine Erfahrung oder ein Erlebnis sind oder deine Gesundheit verbessern. Alles andere ist optional.
Auto? Ich fahre den dritten Fiat 500 (Verbrenner) .. fahre die solange bis die Werkstattrechnungen überhand nehmen .. mehr als 30.000 Euro inkl. Verkauf des alten Autos habe ich bisher noch nicht für ein Auto ausgegeben. Bringt mich von A nach B, Verbrauch ist OK und hat ne Klimaanlage ..
Wohnung? Groß genug daß man sich nicht auf die Nerven geht. Klein genug daß man nicht 3 Stunden putzen muss. Ich mag alte Möbel, keine Antiquitäten .. aber das ganze billige Ikea Zeugs kommt mir nicht ins Haus
Essen? Da spare ich eigentlich nicht. Gutes Essen, frische Sachen. Aber ich bin da auch nicht anspruchsvoll.
Die Grenze ziehe ich da wo ich merke daß ich was kaufe um ein Gefühl zu erzeugen statt ein echtes Problem zu lösen. Wenn ich im Laden stehe und denke „das wäre cool zu haben“ statt „das brauche ich“ .. dann lass ich es meistens liegen. Nicht immer. Aber meistens.
Und wenn ich dann doch was kaufe: Wenn die Qualität stimmt und ich denke das Ding viele Jahre benutzen zu können .. dann gebe ich auch mehr aus.
@Jo
Danke 🙂
@Andy
Genau das. Und das ist eigentlich auch die Auflösung des ganzen Dilemmas: Du kannst das Spiel nicht gewinnen .. aber du kannst entscheiden wie du es spielst. Und wenn du dich dafür entscheidest den Weg zu genießen statt auf ein Ziel zu fixieren das es nicht gibt .. naja .. dann hast du quasi schon gewonnen. Auch wenn das jetzt paradox klingt.
Nachkommen sind ein Garant für dauerhaft hohe Dopaminwerte… auch wenn die Gesellschaft und die Werbung dir aus verschiedenen Gründen das Gegenteil als wahr weismachen und verkaufen wollen
Das erklärt auch, warum ich bei Fußballspielen immer VORHER viel gehypter bin als wenn TATSÄCHLICH das gewünschte Resultat eintritt. Vorm Aufstieg meines Vereins war eine komplette Elektrisierung da, dann nach dem Erfolg denkt man eher: „Naja, sooo dolle überragend ist der Unterschied zu vorher jetzt nun auch nicht.“ In der Talk-Sendung „Doppelpass“ gab es vorher ungewollt passend dazu ein sogenanntes „DoPa-Fon“, eigentlich abgeleitet von „Doppelpass“, aber passt auch gut auf Dopamin 🙂
Man kann nicht dauerhaft glücklich sein. Aber ich finde, dass man dauerhaft zufrieden sein kann. Wenn man es geschafft hat, in seinem Leben eine Basis zu schaffen, mit der man zufrieden sein kann, hat man es „geschafft“. Dann muss man nur noch ab und zu mal etwas Glück oben drauf packen.
Dauerhafte Unzufriedenheit macht das Leben unangenehm. Und hier kann man dann auch finanziell ansetzen. Geld macht die Zufriedenheitsbasis und das bei Aktivitäten verdiente Glück macht das Leben dann richtig gut.
Hi Andi,
weise Worte, besonders „Man kann nicht dauerhaft glücklich sein. Aber ich finde, dass man dauerhaft zufrieden sein kann.“
Das würde ich so unterschreiben, auch wenn manchmal ein bißchen Unzufriedenheit auch ein Ansporn sein kann – vgl. Thema des Threads 😉 aber das muß sich beides nicht ausschließen. Eine Grundzufriedenheit sollte aber da sein:
Und die (relative) Entspannung, die ein (relativ) gutes finanzielles Polster bietet, ist nicht zu unterschätzen und sicherlich ein wichtiger Bestandteil einer Grundzufriedenheit. (Familie, Freunde, Gesundheit, Lebenssinn müssen natürlich noch obendrauf.)
Ich glaube, Gerald Hörhan hatte mal gesagt, dass die ganzen Leute, die zum Yoga, Wellness und zu anderen Entspannungen laufen, erstmal ihre Finanzen regeln sollten, weil (wenn) die oft das Hauptproblem seien, das zu Zukunftsängsten, schlaflosen Nächten etc. führt – und da hat er sicherlich recht.
Danke für die Antwort! 🙂
Ungefähr so sieht es bei mir im Alltag auch aus.
Hi Matthias, vielen Dank für diesen schönen Beitrag!
: Ich bin gespannt, ob sich in Zukunft Dopamin Websites durchsetzen. Online Shops, auf denen User einkaufen können, ohne dabei zu zahlen oder je eine Ware zu erhalten – einfach nur für den Dopamin-Kick.
ö : Wenn es um die Gewöhnung geht, dann muss man schlicht Abwechslung ins Leben einbauen, oder? Im Beispiel Urlaub denk ich in Skalen wie: low budget bis Luxus; sozial bis allein zurückgezogen; in der Nähe bis Fernreise; vllt auch mal gar kein Urlaub; verschiedene Klima-Zonen; wenig Aktivität bis viel Aktivität; kurz bis ausgedehnt lang; etc. > Damit kann nie ein „Standard“ entstehen, an den man sich gewöhnen kann 😉
@Vica
das wäre es .. Dopamin Websites .. klicke hier und du fühlst dich gut!
Was ich merke .. mit zunehmendem Alter fällt es mir immer schwerer (oder ich komme gar nicht auf die Idee) die Komfortzone zu verlassen .. man hat sich über die Jahre „Pfade“ gelaufen .. davon dann abzubiegen und durchs „Gestrüp“ zu gehen ist eine Herausforderung .. hoffe du verstehst was ich meine