Dividenden Blog

18. März 2026

Doppelmoral

Letzte Woche stand ich beim Aldi auf dem Parkplatz und neben mir parkte ein Auto mit vielen Aufklebern auf der Heckklappe. Die Dame die ausstieg war Tierschützerin. Das tat sie offensichtlich kund, denn auf den Stickern waren Dinge zu lesen wie „Ich bremse nur für Tiere“ und „Stoppt Tierversuche“ und noch ein paar andere.

An der Kasse sah ich sie wieder und war leicht überrascht (oder vielleicht auch nicht) dass ich Wurst und Milchprodukte in ihrem Einkaufswagen sah.

Dieser Widerspruch ist für mich irgendwie ein Zeitgeist. Oder vielleicht bin ich sensibler dafür geworden aber ich entdecke diese Gegensätze überall.

Vielleicht ist auch in meinem Hirn was falsch verkabelt .. aber wenn ich so offensichtlich an dem Wohlergehen von Tieren interessiert bin dass ich das in wie Welt posaune, kann ich doch kein Tier essen oder tierische Produkte konsumieren.

Ich kann doch nicht entscheiden: Hunde, Katzen und andere Haustiere muss man schützen aber Schweine, Kühe und Hühner kann man seelenruhig schlachten oder ausnutzen?

Anderes Beispiel:

Die Sprit Preise gehen (mal wieder) wieder durch die Decke und ich musste mir in der Schlange der Tankstelle anhören wie sich ein Herr darüber beschwert hat. Das Fahrzeug das er fuhr war ein VW Tiguan. Der ist jetzt vielleicht nicht als Spritschleuder bekannt .. aber wenns ihm auf seinen Geldbeutel ankäme könnte er ja ein kleineres Fahrzeug fahren.

Ich verstehe sowas ehrlich gesagt nicht.

Oft sieht man das auch bei Bauprojekten.

Hier in der Nähe wurden vor einigen Jahren Windräder gebaut. Diese stehe in einem Wald. Vom nächsten Ort sind sie ca. 1 km entfernt. Viele Bewohner der umliegenden Orte liefen Sturm gegen diese Windräder. Es gab alle möglichen Ansichten warum da keine Windräder gebaut werden sollen: Optische Verschandelung der Aussicht, Infraschall, Gefahr für Vögel usw. Auch nachdem die Windräder längst gebaut waren hingen in den Dörfern noch Protestplakate: Keine Industrieanlagen in unserem Wald, Keine Windräder in Wälder und Erholungsgebieten usw.

Ich könnte mir nun vorstellen dass die Anwohner auch keine Lust auf ein Kohlekraftwerk oder ein AKW in direkter Nähe hätten .. nur woher soll dann der Strom für den Haushalt kommen?

Dann höre ich eine Podcast wo einer der Teilnehmer oft über Klimaschutz spricht, extra Elektroautos deshalb gekauft hat und generell viel Bewusstsein für das Thema schafft. Gleichzeitig hat er in den letzten 12 Monaten diverse Langstreckenflüge unternommen um u. a. seinem Hobby nachzugehen. Er kompensiert das zwar indem er dafür Geld an Institutionen überweist die Klimaschutz fördern aber ich denke dann immer, wäre es nicht besser gar nicht zu fliegen?

Der CO2 Ausstoß eines Fluges erfolgt sofort, eine Maßnahme die durch den oben genannten Ablass finanziert wird braucht aber vielleicht Jahre oder Jahrzehnte bis sie ihre Wirkung voll entfaltet.

Wasser predigen und Wein saufen.

Klar jeder soll so leben wie es ihm gefällt .. ich finde aber wenn ich eine Meinung öffentlich und laut vertrete sollte ich auch den Arsch in der Hose haben so zu leben wie ich es anderen Menschen nahe lege und nicht nach Schlupflöchern suchen.

Wenn ich mich auch über maximal wenig aufrege .. das ist etwas das mich nervt.

Bei Aktien ist das ähnlich.

Ich kenne Leute die Kriege, Waffen oder auch Tabak ablehnen und sich drüber aufgeregt haben als bei irgend nem Fußballverein die Firma Rheinmetall ins Sponsoring einstieg. Die selben Menschen besitzen aber dann einen MSCI World ETF in dem auch Rüstungsfirmen zu finden sind.

Kann man gegen Waffen sein und gleichzeitig via ETF Lockheed Martin besparen?

Kommentare:

  1. Marc

    Kann man gegen Waffen sein und gleichzeitig via ETF Lockheed Martin besparen?

    Ja.

    Selbst wenn ich denke, Waffen braucht man, kann ich entscheiden, kein Gewinn aus der Herstellung zu bekommen. Und wenn doch, dann den Anteil „kompensieren“.

  2. Christiane

    … und noch ein Beispiel: Da wird sich lautstark über den Niedergang des Industriestandorts Deutschland beschwert, aber was hat man in Haushalt und Garage? Jede Menge (Billig-)Produkte aus Asien…

  3. Niklas

    Wir alle sind widersprüchlich.

    Motiviert moralisch auf der besseren Seite stehen zu wollen.

    Die Arbeiterpartei SPD wirft den Fleißigen und Erfolgreichen vor sich auf Kosten der prekären Minderheit zu bereichern und fordert sie auf an diese umzuverteilen.

    Unabhängige Millionäre predigen Eigenverantwortung und weniger staatliche Eingriffe, legen sich aber für wenige € zur gesetzlichen Krankenversicherung in das Nest der der Solidargemeinschaft und lassen sich von der schichtarbeitenden Krankenschwester ihre Gesundheitskosten quer-subventionieren.

  4. Stephan

    Das ist leider mittlerweile eher das neue „Normal“ als die Ausnahme.

    Grundsätzlich ist der Mensch immer schon ein widersprüchliches Wesen gewesen. Die Gründe liegen in unserer Natur, darüber möchte ich mich jetzt gar nicht auslassen. Aber Fakt ist, das es den meisten Menschen gar nicht um die Sache geht, es geht wie immer nur um die Empörungskultur oder die eigene Positionierung. Es geht um Provokation. Um Selbstdarstellung, und da ist jedes Mittel recht.

    Ich habe im Bekanntenkreis auch solche Beispiele. (Lehrer und Psychotherapeuten nur als Anmerkung ohne Wertung) Die bewegen sich nur in Ihrer Bubble und diskutieren auch nur darüber was Ihnen in den Kram passt. Kritische Stimmen werden direkt belächelt oder versucht aufgrund von „Fake News“, „Faktencheck“ oder sonst was zu entlarven. Das direkte Scannen der Quelle, denn wenn die Quelle schon nicht in das eigene Muster passt, dann ist auch das Argument abzulehnen. Das ist nicht nur hochgradig nervend sondern auch anstrengend und meiner Meinung nach auch gefährlich. Es wird immer so diskutiert das es einem in den Kram passt. Wenn man sie entlarvt, dann werden sie zynisch, grantig und bezichtigen einem der Wortklauberei. Es ist erschreckend wie Menschen die POLITIK studiert haben, so beschränkt im Geist sein können.

    Ich würde gerne hier Beispiele aufzählen, aber ich lasse es. Sonst rege ich mich nur wieder auf…

  5. Vroma

    Im Prinzip ist das nichts Neues.

    Da ca. 85% der Menschen einfach nur Mitläufer sind und andere für sich denken lassen, sind sie durch externe Beeinflussung widersprüchlich in ihrem Handeln, da die Mitläufer ja immer nur isoliert beeinflusst werden.

  6. Chris

    Ich sehe das gar nicht so urteilend. Das muss nicht unbedingt Doppelmoral sein, sondern individuelle Prioritätensetzung.
    Es ist doch fast unmöglich, ein ‚astreines‘ Leben zu führen. Also gibt man gerade soweit sein Bestes, wie man ohne zu großes Opfer bereit ist zu bringen.
    Aus dem eigenen Leben: Ich fliege nicht und esse sehr wenig Fleisch. Fliegen aus Jux und Urlaub finde ich einfach sch****. Das ist für mich aber kein großes Opfer, da ich nicht so auf Reisen in fernen Länder aus bin und ich in den Zeiten, als die ‚Billig Airlines‘ groß wurden, oft genug geflogen war. Auf der anderen Seite gehe ich gerne in Thermen, Streame Musik was das Zeug hält und lebe in einer Wohnung, die qm zu groß für mich ist.
    Kann Doppelmoral sein oder Prioritäten setzen? So sehe ich das bei der Dame von getmad geschildert. Tierwohl ist ihr vielleicht wirklich wichtig und wer weiß, was sie noch alles dafür tut, außer Aufkleber aufs Auto. Die Wurst ist ihr aber halt so wichtig, dass sie es nicht schafft, darauf zu verzichten.

    Es gibt natürlich auch (privilegierte) Egozentriker, die bewusst Manipulieren, um für sich das Maximum herauszuholen. Das ist freilich unredlich.

  7. Mad

    @Marc

    ich verstehe die Logik dahinter .. aber für mich fühlt sich das trotzdem nach einem Spagat an, der irgendwann wehtut. Wenn ich Lockheed Martin im Depot habe, profitiere ich direkt davon, wenn irgendwo auf der Welt aufgerüstet wird .. egal ob ich den Gewinn danach spende oder nicht.

    @Christiane

    der Geldbeutel schreit am Ende oft lauter als die eigenen Überzeugungen .. reicht ja wenn man am Stammtisch ein Gesprächsthema hat über das man sich aufregen kann

    @Niklas:

    Moral wird als Distinktionsmerkmal genutzt .. man möchte zur „richtigen“ Gruppe gehören. Dass sich das durch alle politischen Lager und Schichten zieht, macht die Sache menschlich und gleichzeitig frustrierend.

    @Stephan:

    Es geht gar nicht mehr um den Austausch von Argumenten, sondern nur noch darum, das eigene Weltbild zu schützen. Wenn Kritik sofort als Angriff gewertet wird und man sich in seiner Bubble verbarrikadiert .. dann bleibt Diskurs auf der Strecke

    @Vroma:

    Wenn man nur mitläuft merkt man nicht, dass das eigene Handeln nicht zu den Parolen passt, die man nachplappert.

    @Chris:

    Niemand von uns ist perfekt und ein astreines Leben ist wahrscheinlich unmöglich .. aber ist es wirklich nur Prioritätensetzung oder machen wir es uns damit nicht ein bisschen zu einfach? Für mich ist der Knackpunkt die Lautstärke .. wer öffentlich moralische Standards für die Welt fordert, sollte sie im Kleinen auch bei sich selbst anwenden.

  8. Thomas

    Könnte mich auch darüber amüsieren, das im „wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass“ Deutschland Energie verstärkt mit Gaskraftwerken abgesichert werden soll.
    Kleinster gemeinsamer Nenner.
    Atom wollen wir nicht. Kohlekraftwerke wollen wir nicht. Windkraft und Solar geht bei Dunkelflaute nicht.
    Wasserstoffenergie war der Lacher des Jahrhunderts.

    Und jetzt wird Gas so teuer und knapp.

    Irgendwann schleichen sie wieder um russisches Gas drumrum… Moral war was von gestern.

    Aber Equinoraktien entwickeln sich ganz gut…

  9. Kiev

    @ Mad

    Mit der Moral bezüglich des MSCI World sehe ich es etwas anders. Ich investiere nicht in die Rüstungsbranche und auch nicht mehr in Tabakwerte. Das ist meine Entscheidung für mich. Dennoch investiere ich in breite Indizes mit allem was nach Marktkapitalisierung darin enthaltenen ist. Ist für mich kein Widerspruch. Ein aktives Investment lehne ich für mich allerdings ab. In Anbetracht der imperialistischen globalen Politik in Bezug auf Russland und die USA kann ich allerdings ein Aufstocken des Rüstungsetats nachvollziehen. Auch wenn ich hier global wesentlich lieber ein Engagement in erneuerbare Energien, KI, Robotik sehen würde als ein Aufstocken von Raketen.

    Natürlich habe ich auch keinen Rüstungsindustrie ETF. Die speziellen ethischen ETFs sind mir zu undurchsichtig. Da kann man nicht einfach Sektoren ausklammern. Da ist einiges ausgeklammert wad mich nicht stört und anderes enthalten was ich eher ausgeklammert hätte…

    Bei den breiten Indizes bekommt man den breiten Markt wie er ist. Damit kann ich leben. Ansonsten würde ich für mich auch Unternehmen mit exorbitanter Bewertung oder seltsamen Geschäftsmodell wie Strategy ausklammern.

  10. Kevin

    Der Tiguan war nicht unbedingt das beste Beispiel – mein Vater ist bis vor 3 Monaten einen gefahren. Nach 12 Jahren hat seine Excel einen Durchschnittsverbrauch von 4,7l Diesel ergeben. Gekauft für 26.000€ als Reimport 2014, kaum Reparaturkosten.

    Grundsätzlich stimme ich der Aussage über Doppelmoral allerdings zu. Ich fahre noch Verbrenner und werde dazu teilweise kritisch angesprochen, da wir uns ja ein neueres E-Fahrzeug leisten könnte, das unser Fahrprofil erfüllen kann (viel Langstrecke). Wenn ich nachhake, weshalb ich wechseln sollte, werden Umweltgründe erwähnt.

    Meine Frau und ich fliegen so gut wie nie (bislang 1x in 7 Jahren Beziehung, wir wurden eingeladen, jemanden auf einer Finca zu besuchen). Die Personen, die uns ein E-Auto nahegelegt haben, fliegen regelmäßig nach Asien und in die USA. Welcher CO2-Abdruck jetzt der größere ist, lasse ich mal dahingestellt…

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