Dividenden Blog

3. September 2026

Klumpenrisiko in World ETFs

Andrea hat mir eine Frage oder sagen wir mal einen Denkanstoß geschickt:

Sollte man aktuell eine größere Investition in einen World ETF wagen?

Die Hintergründe:

  • Klumpenrisiko und KI: Die enorme Dominanz der Magnificent Seven (Nvidia, Microsoft, Google, Meta, Amazon, Tesla, Apple in gängigen Indizes wie dem S&P 500 oder MSCI World .. vor dem Hintergrund, daß die Tech Buden Milliardensummen in teure KI Infrastruktur pumpen, deren Rentabilität noch völlig offen ist.
  • Verstärker Effekt: Führt der wachsende Marktanteil passiver ETFs im Falle von Panikverkäufen dazu, dass Abwärtsbewegungen an den Börsen verschärft werden?
  • Makroökonomische Verzerrungen: Zwischen staatlichen Anleihekäufen, explodierender Staatsverschuldung und drohender Geldentwertung fliehen viele in Gold oder Bitcoin .. Sparer ohne Sachwerte sind der Mops.

Also:
Ist der ein World ETF auf dem aktuellen Bewertungsniveau noch ein sicherer Hafen oder ne Bullenfalle?

Hier mal meine Gedanken dazu:

Fakten:

Die Konzentration ist real und gut belegt: Die Magnificent Seven machen aktuell rund ein Drittel der Marktkapitalisierung des S&P 500 aus .. Anfang 2026 lag der Wert bei etwa 34%.

Die Verschuldung zur KI Finanzierung ist ebenfalls real und lässt sich beziffern: Bis Ende Mai 2026 wurden weltweit rund 236 Mrd. Dollar an KI bezogenen Anleihen ausgegeben und Morgan Stanley rechnet mit knapp 570 Mrd. Dollar für das Gesamtjahr, gegenüber rund 130 Mrd. Dollar für 2025.

Der Umschwung von reiner Cashflow Finanzierung zu Fremdkapital passierte ab etwa Ende 2025. Das ist eine strukturelle Verschiebung, keine Panikmache .. allerdings können die großen Player die Ausgaben aktuell noch überwiegend aus dem operativen Cashflow decken, der Puffer wird nur enger.

Die US Treasury führt (mit langen Pausen) schon immer Rückkäufe ihrer Anleihen durch .. das ist reines Liquiditätsmanagement keine geldpolitische Kehrtwende. Die Volumina liegen typischerweise im niedrigen Milliardenbereich und nicht in einer Größenordnung, die ne Gold oder Bitcoin Rallye auslöst. Das Ziel des aktuellen Programms ist es, illiquide Papiere älterer Jahrgänge aus dem Markt zu nehmen.

Verstärker Effekt:

Langzeitdaten zeigen eindeutig, dass eine hohe passive Eigentümerquote die Volatilität und Korrelation einzelner Aktien erhöht .. und zwar besonders zum Börsenschluss, wenn ETF Rebalancings laufen. Bei einem Marktanteil von über 50 % der US Fondsgelder ist dieser Gleichlauf ein realer Hebel. (Quellen: u.a. Ben-David/Franzoni/Moussawi; Schmeling/Höfler/Schlag, Goethe-Universität Frankfurt)

Doch die Forschung belegt lediglich, dass ETFs Marktbewegungen verstärken, nicht, dass sie Crashes auslösen.

Makroökonomische Verzerrungen:

Die Fluchtbewegung in Gold ist real und wir wissen alle wie sich der Goldpreis entwickelt hat, aber die Treiber sind aus meiner Sicht nicht die Angst vor Geldentwertung .. sondern in erster Linie Käufe durch Zentralbanken und relative Dollar Schwäche .. und am Ende vielleicht der Kleinsparer.

Bitcoin folgt Gold nur bedingt: Nach Rekordhochs Ende 2025 gab es einen deutlichen Einbruch, während Gold stabiler blieb. Die These „Bitcoin folgt Gold mit 12–18 Monaten Verzögerung“ ist eine Marktmeinung und nicht belegt.

Die Kausalkette Staatsverschuldung → Inflationssorgen → Flucht in Sachwerte ist bei Gold gut zu sehen aber bei Bitcoin deutlich schwächer und volatiler .. weil dort Spekulation eine mindestens ebenso große Rolle wie das Makro Narrativ.

Und nun:

Ein Drittel des S&P 500 und ein relevanter Teil des MSCI World hängen an sieben Werten. Deren KI Investitionen sind zunehmend fremdfinanziert .. das ist real .. aber (noch) kein akutes Warnsignal, solange der operative Cashflow überwiegt.

Der Verstärker Effekt passiver Fonds ist wissenschaftlich belegt .. aber missverstanden, wenn man ihn als Crash Prophezeiung liest. Er sagt nichts darüber aus, wann oder ob ein Abverkauf eintritt .. und wie sich die Anteilseigner dann verhalten.

Die Flucht in Sachwerte ist bei Gold real und institutionell getrieben, bei Bitcoin dagegen deutlich spekulativer und von Gold entkoppelt.

Wenn du jetzt 10.000 Euro investieren willst:

Ein global gestreuter ETF ist wegen der Konzentration nicht automatisch riskanter als früher .. aber auch nicht mehr so diversifiziert, wie er es früher einmal war.

Die Entscheidung dann einen ETF mit geringerer US oder Tech Gewichtung zu kaufen ist keine Übervorsicht, sondern eine nüchterne Reaktion auf eine veränderte Marktzusammensetzung.

Kommentare:

  1. Sebastian

    Hallo Matthias.

    Ich lese hier immer wieder mit und finde diesen Blog Klasse.

    Beim letzten Absatz in diesem Artikel kann ich aber nur schwer mitgehen.

    „Zu viel USA“ klingt immer so, als wäre die Lösung ziemlich einfach: USA runter, Rest der Welt rauf. Ist sie aber nicht…

    Wer wegen der Magnificent Seven und der KI-Euphorie die USA bewusst untergewichtet, macht eine aktive Wette darauf, dass der Rest der Welt künftig besser läuft. Warum sollte das so sein?

    Und wenn die USA tatsächlich crashen, wird der Rest der Welt kaum unbeeindruckt danebenstehen. Die wirtschaftliche Verflechtung ist inzwischen enorm. Crasht die USA, crasht vermutlich auch ein großer Teil des Rests der Welt.

    Das Bewertungsrisiko ist real. Aber „weniger USA“ ist keine Versicherung dagegen, sondern schlicht eine andere Wette.

    Für mich bleibt daher die Frage: Will ich langfristig auf die Weltwirtschaft setzen, oder darauf, dass ich heute besser weiß, welche Region morgen die bessere Rendite liefert?

    LG

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