Von Stefan erreichte mich heute morgen eine Email:
Hallo Matthias,
ich bin interessierter Leser deines Blogs.
Du lebst nun schon seit einiger Zeit erfolgreich von Dividenden.
Ich habe ein ähnliches Ziel – auch wenn ich es mir leichter mache und einfach langweilig auf ETF setze.
Ich habe eine Frage an dich:
Jetzt haben die USA gerade die 40 Billionen USD Schuldenmarke gerissen.
https://www.n-tv.de/wirtschaft/US-Staatsverschuldung-steigt-auf-satte-40-Billionen-Dollar-id31212675.html
Die Schulden steigen in unkontrolliertem Tempo weiter. In ca. einem Jahr wurden so einfach Deutschlands gesamte Staatsschulden noch einmal zu den US Staatsschulden hinzugefügt.
Klar wird es immer irgendwie weitergehen – und ich schätze deine Strategie als sehr gut und sicher ein.
Aber es bleibt bei mir doch hin und wieder so ein kleines Unbehagen, da die gesamte Aktienwelt doch sehr stark von einem langfristigen Erfolg der USA abhängt.
Ich weiß gar nicht genau, was meine Frage ist.
Hast du eine Einschätzung dazu?
Hier meine Einschätzung:
Die 40 Billionen Marke wurde gerissen .. schneller als von der US-Regierung selbst prognostiziert. Als Gründe werden genannt: Trumps Zollpolitik, steigende Zinskosten und langfristige Sozialausgaben. Vor einem Jahr lag der Schuldenstand noch bei rund 37,2 Billionen Dollar. Das Tempo nimmt also zu.
Die Sorge und die Argumentation gibts eigentlich seit den 1980ern. Die Märkte hat das aber bisher auch wenig interessiert. Klar das muss nicht so bleiben .. aber warum soll es sich ändern?
- Die absolute Zahl ist für sich genommen wenig aussagekräftig. Entscheidender ist die Schuldenquote (Schulden/BIP). Da liegt die USA bei 120%. Das ist nicht wenig aber z.b. deutlich unter Japan.
- Der US-Dollar ist die globale Reservewährung und darum hat der US Staatsanleihenmarkt eine extreme Tiefe und Liquidität. Viele Käufer, viele Verkäufer und ein so riesiges Volumen das institutionelle Anleger dort massive Summen parken können .. sprich die Amis werden die Bonds immer los.
- Aktienmärkte und Staatsverschuldung sind nicht dasselbe. Unternehmensgewinne, Produktivität und Innovation treiben Aktienkurse. Staatsschulden wirken eher über Zinsen, Inflation und Vertrauen indirekt.
Das Risiko ist eher, dass der Dollar weiter abwertet (was Trump ja will) und da wir unsere US Aktien (auch im ETF) in Dollar kaufen werden unsere Anteile weniger Wert, Dividenden sinken und ohne eine Marktschwankung verlieren wir Geld.
Auf der anderen Seite können wir „günstig“ US Aktien kaufen.
Dann wäre da der Vertrauensverlust in den US Dollar oder eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit der USA.
Eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit hatten wir ja schon 2023 (Fitch) und 2025 (Moody’s). Der Effekt an den Märkten war jeweils spürbar, aber kurzlebig: ein paar Tage höhere Renditen, ein kurzer Dip beim S&P 500, dann ging es weiter wie immer.
Mit Vertrauensverlust meine ich:
- Mehrere Zentralbanken (China, Indien, Russland, auch einige Golfstaaten) haben in den letzten Jahren ihre Goldreserven aufgestockt und Dollar-Bestände reduziert.
- Gold ist parallel zur US-Verschuldung gestiegen, weil Anleger es zunehmend als Absicherung gegen Dollar-Entwertung kaufen .. nicht nur gegen klassische Krisen.
- Es gibt seit Jahren Diskussionen (bisher nicht umgesetzt) über alternative Zahlungssysteme oder gemeinsame Währungen unter BRICS-Staaten, um die Dollar Abhängigkeit im Handel zu reduzieren.
- Öffentliche Angriffe auf die Fed (Zinsforderungen, Personalfragen) .. das untergräbt das Vertrauen, dass die Geldpolitik unabhängig von kurzfristigen politischen Interessen bleibt
Dann vielleicht noch eine Frage:
Sind Staatsschulden wirklich so kritisch zu sehen? Die USA drucken ja ihren Dollar selbst und haben dementsprechend Geldmenge usw. in der Hand?
Ein Staat, der in seiner eigenen, Währung verschuldet ist und diese Währung selbst emittiert, kann technisch nicht zahlungsunfähig werden wie ein Unternehmen. Die USA können ihre Dollarschulden immer bedienen, weil sie die Dollar drucken können, die sie schulden. Das unterscheidet sie fundamental von z.B. Griechenland 2010, das in Euro verschuldet war.
Klar das kann man nicht unendlich machen: Hyperinflation, Zinskosten, gesetzliche Schuldenobergrenzen, weiterer Vertrauensverlust usw. es ist also mit Konsequenzen verbunden.
Weitere Gedanken dazu:
Die großen US Konzerne machen 40-50% ihrer Umsätze NICHT in den USA. Selbst wenn die USA fiskalisch unter Druck geraten oder der Dollar abwertet, besitzen diese Unternehmen weiterhin Sachwerte, Preissetzungsmacht und globale Einnahmen in Fremdwährungen, die eine Entwertung abfedern.
Ein schwacher Dollar macht US-Exporte weltweit billiger und kurbelt die Gewinne der US-Konzerne an. Das gleicht die Währung Verluste auf Ebene der Aktienkurse oft mittelfristig wieder aus.
Wenn die Zinsen hoch bleiben, muss die USA immer mehr Budget nur für die Zinslast aufwenden. Das zwingt die Notenbank langfristig oft dazu, die Zinsen wieder zu senken oder die Renditen zu deckeln .. selbst wenn die Inflation leicht erhöht ist. Das ist gut für Sachwerte.
Es gab in den letzten 50 Jahren nie einen Zeitpunkt, an dem die Weltpolitik oder die Finanzmärkte „sicher“ wirkten (Kalter Krieg, Dotcom-Blase, Finanzkrise 2008, Corona, Inflation). Investieren bedeutet nicht, keine Sorgen zu haben, sondern zu lernen, trotz der Sorgen investiert zu bleiben.
Am Ende:
Staatsschulden kann man nicht mit Unternehmenserfolgen verbinden.
Ein schwacher Dollar schadet kurzfristig im Depot, hilft aber der US Wirtschaft.
Wenn dir die US Gewichtung in ETFs sorgen macht würde ich sie anpassen: z. B. über einen World ex-USA oder Europe ETF
Das ist natürlich meine subjektive Einschätzung .. und wie ihr alle wisst .. ich bin nicht die hellste Kerze auf der Torte .. darum würde mich auch die Meinung von euch interessieren!
Ich halte es mit Buffett: „Never bet against America.“ Gerade wir, die vier Male einen Kollaps der eigenen Währung bzw. des Systems hatten, sehen bei den USA, denen das nie passiert ist, immer den Niedergang. Aber diesmal ist alles anders und so. Schon klar. Es gab keinen Zeitraum in der Geschichte, in dem sich eine langfristige Wette gegen die USA ausgezahlt hätte.
Danke für deine Einschätzung!
Ich mache einfach, was ich immer mache:
Ich bleibe bei meinem All-World ETF.