Wer hier schon ein paar Jahre mit liest kennt das One More Year Syndrom.
Kurz:
Die Mathematik hinter FIRE ist im Grunde recht simpel. Irgendwann deckt das jährliche Wachstum des Depots oder wegen mir auch die Dividenden die Lebenshaltungskosten inkl. Inflation und Steuern. Das Spreadsheet in dem man das alles geplant hat leuchtet grün und eigentlich wäre es nun soweit das RE in FIRE umzusetzen.
Kurz vor der Ziellinie erkrankt man dann am One More Year Syndrom.
Der Kopf sagt: Lass uns noch ein Jahr dranhängen .. zur Sicherheit .. mehr Geld schadet ja schließlich nicht und in dem zusätzlichen Jahr kann ich noch einen dicken Batzen sparen. Und überhaupt was ist wenn der Markt einbricht sobald ich gekündigt habe?
Rein aus Excel Sicht hätte mir ein Depot von 750.000 Euro gereicht (das hatte ich im Jahr 2021), aber ich hatte nicht den Arsch in der Hose das damals durchzuziehen.
2022 hatte ich knapp 900.000 Euro im Depot und mein Kopf hat genau das selbe gesagt wie die Jahre davor: Ein Jahr mehr schadet sicher nicht. Was ist wenn …? Was mache ich solle X eintreten? Habe ich alles bedacht? Habe ich nen Fehler in meiner Planung?
Es entsteht eine Analysis Paralysis oder auf deutsch eine Entscheidungslähmung. Der Versuch, alle Eventualitäten und Risiken perfekt abzuwägen, führt dazu, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht und im Status Quo bleibt.
Faktoren die da bei mir eine Rolle gespielt haben:
- Mein Sicherheitswahn sobald es um Geld geht .. was ist, wenn die Inflation plötzlich wieder steigt wird? Was, wenn es zu ner globalen Rezession kommt und auf breiter Front die Dividenden gekürzt werden? Das eine zusätzliche Jahr mit Gehaltsschecks fühlt sich an wie ein schützender Puffer gegen das Unbekannte.
- Der Zinseszins .. als Dividenden Dödel wird man unweigerlich ein wenig süchtig nach dem Wachstum. Jedes Jahr noch ein paar Euro mehr Dividenden kassieren, wenn ich jetzt nochmal 5000 Euro anlege sind das pro Jahr 200 Euro weitere Einnahmen ..
- Man hat sich über viele Jahre so daran gewöhnt das Depot mit frischem Geld zu füttern, dass es schwer wird einfach damit aufzuhören .. wächst das Ding noch wenn ich aufhöre zu gießen?
Nun kann ich nicht mehr sagen wie es gewesen wäre wenn ich schon 2021 oder 2022 den Job an den Nagel gehängt hätte. Wirklich getraut habe ich mich erst Ende 2024 bei nem Depotstand von 1,5 Mios.
Aber rein theoretisch (wenn man die vergangenen Börsenjahre und meine Ausgaben betrachtet) würde ich, wenn ich 2021 schon gekündigt hätte, mit einer weit höheren Summe als 750.000 Euro dastehen.
Gewusst habe ich das natürlich nicht, geahnt vielleicht, ändern kann ich es sowieso nicht mehr.
Ich habe aber mindestens 3 zusätzliche Jahre dem Job geopfert um mehr Sicherheit und ein größeres Polster zu haben.
Das tückische am One More Year Syndrom ist, dass es rational klingt: Ein Jahr mehr schadet doch nicht, es macht alles nur sicherer.
Das ist aber eine Milchmädchenrechnung, bei der die wichtigste Ressource überhaupt ignoriert wird: Zeit.
Jedes Jahr, das man aus reiner Angst im Büro absitzt, obwohl das Portfolio längst tragfähig ist, ist ein Jahr weniger für das was man tun möchte, für Reisen oder Hobbies, ein Jahr weniger Freiheit. Man tauscht unwiederbringliche Lebenszeit gegen die Reduzierung eines ohnehin schon minimalen Restrisikos.
Wie gesagt .. ändern kann ich es sowieso nicht mehr, bereuen kann ich es aktuell auch irgendwie nicht .. es hat ja auch nur drei Jahre angehalten. Wäre nur doof wenn ich morgen von nem überambitioniertem E-Biker auf seinem 25 KG SUV überrollt werde.
Allerdings habe ich, nachdem ich gekündigt hatte, nahezu keine Gedanken mehr an die Ängste und Sorgen verschwendet die ich hatte, als ich mich entschlossen habe doch noch ein Jahr dran zuhängen.
Sprich .. die ganzen Gedanken um Inflation, Rezession, Marktschwankungen usw. sind weg.
Und im nachhinein habe ich viel zu viel Lebenszeit auf diese Gedanken verschwendet .. also seit schlauer als ich.
Lebst du aktuell im One More Year Syndrom?
Wie passend…
Heute, genau heute, und zwar mit der heutigen Gutschrift der TI Dividende habe ich mein Ziel von 1.000 Euro Nettodividende pro Monat (im Mittel über 12 Monate) erreicht!
Klar bin ich stolz darauf. Aber höre ich jetzt auf mit dem Investieren? Meine Rente deckt meinen derzeitigen Bedarf locker. Aber wer weiss, was wird? Kann gut sein, dass ich einfach weiter investiere. Wahrscheinlich bin ich auch ein Dividenden Dödel.
Schönen Tach noch
Renee
Hi Matthias,
bei mir helfen voraussichtlich die Umstände, dem One-Year-More-Syndrom zu entgehen. Eventuell kommt mir bald ein lukratives Abfindungsangebot in die Quere und wird mich mit dem notwendigen Cashpuffer für FIRE versorgen. Die Depotgröße ist schon ausreichend groß.
Danke für deinen Artikel. Im Grunde bist du der einzige Finanzblogger, dem ich noch folge.
Ich freue mich über jeden Post den du veröffentlichst.
Viele Grüße
Thomas
Aktuell 2.200€ Dividende p.M. und 200€ Überschuss aus Vermietung vs. ca. 4.300€ Bedarf inkl. voller PKV.
Danach kein OMY.
Heute allerdings Depotplus in Größenordnung eines brutto Monatsgehalt.
Eine gute Dekade hab ich noch bis zum frühesten Rentenbezug.
Könnte natürlich Aktien und Wohnung verzehren zu Lasten der Cashflowhöhe. Ist aber nicht der Plan.
Also irgendwie dann doch OMY 🙂
… könnte ab jetzt nicht mehr arbeiten gehen, dann allerdings weitgehender Depotverbrauch bis zur Rente. Dividenden bald 1000/ Monat, Tendenz stark steigend… wahrscheinlich tief im one more year….
Danke für Deinen Blog!!!!
Saß im Sommer da mit Kollegen und dachte 800k Depot müsste doch so langsam reichen. Jetzt wieder etwas mehr… Dumm ist nur, mir macht die Arbeit mit meinen Kunden Spaß, die Firma nervt aber mehr oder weniger nur noch…
Ich will jetzt nicht sagen, dass du mein großes Vorbild bist: aber hey: ich muss wohl den Absprung schaffen!