Ende Juni war ich auf einer SEO und AI Konferenz in Berlin. Das über allem stehende Thema war natürlich AI. Kaum ein Vortrag oder eine Diskussion wo es nicht darum ging.
Die Leute in der Branche spüren die Veränderungen und verlieren teilweise ihre Geschäftsgrundlage. Selbständige Texte die Inhalte für Websites geschrieben haben bekommen kaum noch Aufträge, Leute die Websites betreiben wo man sich Informationen zu bestimmten Themen holen kann verlieren massiv Nutzer. Einsteiger in diese Jobbereiche finden nur sehr schwer eine Stelle und keiner weiß wo das hinführen wird (Vermutungen gibt es viele).
Ich bin selbst etwas desillusioniert. Vor 5 Jahren hätte ich Leuten noch geraten Software Entwickler zu werden oder eine Website zu starten … heute würde ich das nicht mehr tun und ich glaube die Veränderung die AI bei Bildschirm Berufen mit sich bringt hat erst begonnen.
Ich betreibe ja ein SEO Tool, aber würde ich sowas heute nochmal entwickeln und ins Web stellen?
Wahrscheinlich nicht. Denn auch hier gehen die Nutzerzahlen zurück bzw. stagnieren. Und das ist ein Tool, dass aktuell nur teilweise durch AI ersetzt werden kann.
Vieles was das Tool macht kannst du heute mit Agenten selbst zusammenstellen UND es dann auch noch persönlich auf deine Bedürfnisse zuschneiden .. ich hab das ausprobiert und mir einen simplen Webcrawler durch Gemini erstellen lassen .. das hat keine 10 Minuten gedauert und ich kann ihn immer wieder einsetzen. Code den ich selbst geschrieben habe: 0 Zeilen.
Seiten die rein auf Inhalte setzen (Rezepte, Ratgeber, Blogs, Vergleiche usw) verlieren durch die Bank viele Besucher. Da diese Seiten sich meist über Werbeeinblendungen monetarisieren sinken die Einnahmen und irgendwann lohnt sich dann der Betrieb nicht mehr.
Wahrscheinlich merkt ihr das an euch selbst.
Google hat die AI Übersichten in den Suchergebnissen festgezimmert .. und oft reicht die Antwort die da drin steht erst mal. Für komplexere Recherchen sprecht ihr direkt mit Claude, ChatGPT oder Gemini .. die merken sich mittlerweile eure Unterhaltungen und können bei neuen Fragen einen Kontext herstellen.
Warum sollte man noch aufwändig auf Websites suchen wenn etwas neues kaufen will?
Die AIs liefern euch direkt einen Vergleich der auch noch auf eure individuellen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Brauchst du nen neuen Kühlschrank dann gibst du die Maße und gewünschte Austattung in das Sprachmodell und in der Regel bekommst du ne ziemlich gute Vorauswahl und du sparst dir lange Suchen im Web.
Warum also noch eine Seite betreiben die Kühlschränke vergleicht?
Das selbe ist es mit Software.
Ich bin seit über 25 Jahren Software Entwickler und für normale Aufgaben reicht heute ein Claude Code oder Google Antigravity völlig aus. Die schreiben den Code schneller, fehlerfreier und genau so gut (wenn nicht besser als ich).
Mit Antigravity hat Google eine Agentenplattform gebaut die gar nicht mehr auf Code beschränkt ist. Ich habe damit Präsentationen gebaut, Depotanalysen durchgeführt, riesige Datenmengen visualisiert, Excel bearbeitet, geprüft ob ich Obstbäume richtig schneide usw. du kannst dem Ding Ordner auf deinem Rechner freigeben und dann ist es als ob du nen persönlichen Assistenten hast der das Zeug macht auf das du sowieso nicht viel Lust hast .. oder das dich früher Stunden an Arbeit gekostet hat.
Aber das bin ja nur ich .. und ich tauche da vielleicht auch etwas tief ein ..
Die Frage die sich mir stellt:
Was wenn Chefetagen flächendeckend begreifen, dass Agenten Plattformen keineswegs auf Software beschränkt sind, sondern jede Form von klassischer Bildschirmarbeit im Büro übernehmen können?
Nicht das man gar keinen Menschen mehr braucht .. aber wenn deine Finanzbuchhaltung 8 Angestellte hat werden es in ein paar Jahren nur noch zwei sein .. die dann die KI überwachen.
Ich glaube da stehen wir gerade .. die letzten Jahre waren Aufwärmphase für KI .. viele Kinderkranheiten, keine Vernetzung, kein Tooling, schlechte Knowledge Bases usw. das alles wird immer besser, immer genauer und immer schneller.
„Normale“ KIs die für die meisten Aufgaben ausreichen werden billiger und Token Kosten werden irgendwann geringer sein als die Kosten für einen Angestellten.
Wie es weitergeht?
Ich weiß es nicht und vielleicht male ich auch zu schwarz.
Aber ich vermute: Wer heute noch darauf wettet, dass in fünf Jahren im Job alles so läuft wie in den letzten fünfzehn Jahren, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt.
Diese Party ist vorbei.
Mit meinem ehemaligen Fokus auf SEO (Grüße an die Campixx 2011+2013) und als heutiger Web-Allrounder kann ich dir nur beipflichten. Es sieht echt düster aus… ich wollte immer Programmieren lernen und hab das Jahre vor mir hergeschoben. Heute damit anfangen? Hahaha. Niemals.
Ich bin sehr froh, dass mein Grundstock zum Frugalisten bei 80% ist und nur noch Zeit fehlt… die nächsten Jahre könnten auch in unserem Bereich hart werden. Nur gut, dass viele trotzdem Hilfe bei ihrer Webseite benötigen. Aber standardisierte/sehr ähnliche Arbeiten werden schon schwer werden.
Wer hätte vor 10 Jahren gedacht, dass die wahren sicheren Jobs Klempner, Dachdecker und Co. sind und nicht Programmierer.
Naja, mal schauen, was wird.
LG
Henry
P.S.: Ich habe in den letzten 3 Wochen eine komplette Webseite mit einem Inventar von 80.000 URLs und hochwertigen Datenbasteleien gebaut, ohne eine Zeile Code zu schreiben… einfach wahnsinnig. Das war vor 10 Jahren ein Traum jedes Webseitenbauers.
Umso bedauerlicher, dass Google nun die Search frisst. Welche Daten will Google eigentlich verwerten, wenn es keine Webseiten mehr geben wird, da unrentabel?
Ich komme ja quasi auch aus der Branche, baue auch schon seit Ewigkeiten Websites und bin im B2B-Marketing zuhause. AI ist ein täglicher Begleiter, ein Abeitstier und der Einsatz wird aktiv gefordert. Was noch ein fehlt sind mMn konsistent ausgeführte Prozesse…aber wie auch immer..Die Devise lautet Effizienz: Was kann schneller und damit günstiger erledigt werden? Was das (zukünftig) heißt, kann sich jeder selbst zusammenreimen…Lustig finde ich dann aber doch immer Personen, die den Tod zb von „Marketing-Menschen“ herbeischwören, ohne einen Tau zu haben, was das eig. bedeutet und wie viele Bereiche es innerhalb dieser Funktion gibt. Nein, Hans-Jörg, es ist nicht nur labern und schöne Bildchen gestalten. KI wird aber natürlich auch in diesem Bereich viel verändern…es verändern sich dann Funktionen, vllt brechen Bereiche weg, andere werden wichtiger oder neu geschaffen. Dran bleiben schadet deshalb nicht. 😉
Ich bin kurz vor der Fastrente und kann diesem ganzen Hype oder vllt auch der Hysterie (kann man in ein paar Jahren drüber urteilen) etwas entspannter zuschauen. Auch ich sehe viele Fragezeichen und manchmal auch etwas Hoffnungslosigkeit in den Augen meiner jüngeren Kollegen. Als älterer Kollege hat man aber auch schon einiges an Umwälzungen mitgemacht. Ich habe mich zweimal auf die Schulbank gesetzt und die nächsthöheren Qualifikationen erlernt/erkämpft. Ich arbeite in dem bis vor kurzem erfolgreichsten deutschen Industriezweig in Wolfsburg. Auch da herrscht mittlerweile Agilität, Sprint und nun auch AI. Und ja, es wird (nicht nur wegen der Chinesen) weniger Personal gebraucht.
Ich habe in einer Zeit meinen Beruf (Kfz-Mechanikerhandwerk, auf Handwerk lege ich Wert) erlernt, da gab es noch keine, bzw. sehr sehr wenige Rechenmaschinen. Die wurden tatsächlich noch so genannt. Laptops gab es erst Lichtjahre später und man musste zu dieser Rechenmaschine gehen, um damit zu arbeiten. Also, ich bin sehr alt. 59 genauer gesagt. Die Computer kamen und in den Büros die z.B. mit Personal und Abrechnung zu tun hatten ging die Angst um. Ältere konnten sich an die Rechenmaschinen nicht mehr gewöhnen und mit Renteneintritt wurden diese Mitarbeiter nicht mehr durch neue ersetzt. Eine(r) machte jetzt die Arbeit, die vorher vllt 3, 5 oder auch 10 Leute pur per Hand gemacht hatten. Und wir, also meine Generation (jedenfalls die meisten) haben das überlebt. Es geht weiter, immer weiter. In 10 oder 20 Jahren wird es Berufe geben, von denen wir jetzt noch nichts wissen, die wir noch nicht mal beschreiben können. Vllt wird es jetzt wieder mehr Menschen geben, die sich in physischen Berufen ihren Unterhalt verdienen müssen. Vllt wird es in ein paar Jahren ein bedingungsloses Einkommen, weil Staat, Industrie und Handwerk nicht mehr so viele Leute beschäftigen können. Muss alles nichts Schlechtes sein. Keiner kann in die Zukunft schauen.
Im Übrigen passt zu deinem Beitrag, @ Matthias, ein Artikel von Ken Fisher (Seite 37) aus der aktuellen Focus Money wie der Arsch auf den Eimer. Ich habe ihn als PDF. Falls nötig, kann ich ihn dir zusenden. Also per Mail und nicht per Brief 😉
PS. Ich mag, wie Ken Fisher schreibt und wie er denkt. Positiv, vorwärtsgewandt und optimistisch, aber nicht euphorisch und schon garnicht desillusioniert.
und noch ein bisschen Retro:
https://www.youtube.com/watch?v=8GKuX4u9xKk
PPS. dies ist weiterhin einer der besten Blogs deutschsprachigen Raum.