Dividenden Blog

22. Juni 2026

Via Negativa

Was ist eigentlich knapp?

Im frühen Mittelalter war Sicherheit, Wärme im Winter oder auch die Möglichkeit des Reisens knapp. Straßen waren gefährlich, die Behausungen im Winter kalt, nass und zugig und man hatte wenige Kleidungsstücke.

Vor dem 16. Jahrhundert schliefen alle in einer Halle oder Hütte, selbst der Ritter, der Graf, die Zofe, der Knecht, die Hunde. Privatsphäre existierte als Konzept nicht. Körperhygiene? Mangelware.

Luxus war damals eine sichere Gemeinschaft, ausreichend Feuerholz und genug zu essen.

In den 1800er-Jahren gab es keine Schmerzmittel. Künstliches Licht bestand aus Rinder oder Hammeltalg Kerzen. Eiserner Werkzeuge, eine Sense oder ein Pflug waren Hochtechnologie. Für normale Menschen war körperliche Erholung etwas unbekanntes.

In den 1950er-Jahren waren industriell gefertigte Güter knapp. Luxus war der Kühlschrank. Das Telefon. Das Auto vor der Tür. Der Flug nach Mallorca.

Und heute?

Wenn man auf die 1000 Jahre vorher zurückblickt leben wir in Europa im materiellen Überfluss.

Kalorien kosten nichts (und machen uns krank). Jeder Dödel kann für 39 Euro übers Wochenende an den Ballermann jetten. Das Internet, Social Media und 150 Fernsehsender werfen dir pro Sekunde mehr Reize und Kaufoptionen vor die Füße als ein Gehirn im 18. Jahrhundert in einem ganzen Leben verarbeiten musste. Sicherheit und ärztliche Versorgung? Kein Vergleich zu damals.

Während in 300.000 Jahren Menschheitsgeschichte grundlegende Bedürfnisse selten befriedigt werden konnten haben wir seit fast 100 Jahren keinen Mangel mehr daran. Nahezu alles was sich Menschen auf materieller Ebene je gewünscht haben kann heute befriedigt werden.

Viele vermissen heute etwas anderes.

Vielleicht Stille und Leere? Mehr Zeit? Weniger Ablenkung? Die Abwesenheit von Aufforderungen?

Früher war das Anhäufen von Dingen eine Leistung .. heute ist das Filtern und Abwehren derselben das eigentliche Ziel.

Ihr habt es vielleicht gemerkt, ich will auf Luxus hinaus.

Was früher Luxus war ist heute keiner mehr .. der ist nämlich in der Regel selbstverständlich.

Und was heute Luxus ist .. na wir werden sehen.

Vergiss erst mal teure Uhren, vergiss den Porsche, vergiss das Penthouse und den First Class Flug.

Das ist kein Luxus.

Du kaufst dir ne Rolex damit der Typ am Nebentisch denkt du hast es geschafft. Du kannst dir einen Porsche leasen und ein Penthouse auf Kredit kaufen. Brauchen tust du nichts davon. Im Vergleich war eine Eskorte im Mittelalter, die dich sicher zu deinem Ziel bringt, aber der Unterschied zwischen Leben und Tod.

Dir geht es heute aber nicht schlechter wenn du nen Golf anstatt nem Mercedes fährst.

Echter Luxus definiert sich nicht über das was du hast. Sondern über das was du nicht mehr musst.

Glaubst du nicht?

Hier sind meine Argumente:

#1 Nein

Früher war Reichtum so definiert: Zu wie vielen Dingen kannst du Ja sagen? Kannst du dir das Auto leisten? Die Reise? Das Haus? Je mehr Ja desto reicher.

Aber das ist heute eine falsche Metrik.

Die eigentlich interessante Frage ist: Zu wie vielen Dingen kannst du Nein sagen .. ohne daß dir danach der Arsch auf Grundeis geht?

Nein zum Meeting das dir die Seele raubt. Nein zum Treffen auf das du keinen Bock hast. Nein zum Projekt das zwar gut bezahlt ist aber dich 3 Monate deines Lebens kostet. Nein zum Kunden der nervt. Einfach .. nein. Danke. Ohne Begründung. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne drei Minuten existenzielle Panik danach.

Als ich noch angestellt war konnte ich das nicht. Da musste ich zu Sachen Ja sagen die mich angekotzt haben weil halt .. Karriere, nicht aufs Abstellgleis geschoben werden, Reputation, Gehalt, Verantwortung .. all der Kram.

#2 Dumme Dinge

Wir leben in einer Welt in der jeder Wasserkocher Bluetooth hat. In der dein Auto ein rollendes iPad ist das dir die Sitzheizung als Abo verkaufen will. Du trackst mit Smart Watches deinen Schlaf, deine Bewegung, deine Herzfrequenz. „Persönliche“ App Trainer sagen dir ob du jetzt noch 2000 Schritte gehen musst oder nicht. Dein Rasen mäht ein Roboter. Push Benachrichtigungen sagen dir was du heute noch essen darfst.

Wenn das WLAN abkackt sind wir im Krisenmodus.

Luxus sind heute Dinge die stumm sind. Die keine Updates wollen. Die einfach ihren Job machen. Ein mechanisches Werkzeug. Ein Tisch der einfach ein Tisch ist. Ein Auto das mich nicht gängelt, wenn ich gerade 5 km/h zu schnell fahre. Ein Leben ohne konstante Messung, Information und Aufforderungen. Luxus ist, am Morgen nicht 10 neue Nachrichten in WhatsApp zu haben.

#3 Informelle Inkompetenz

Du brauchst heute eine Meinung zu allem. Zum Leitzins. Zum neuesten TikTok-Aufreger. Zur Stadtplanung von Berlin. Zu den Quartalszahlen von Nvidia. Zur Geopolitik im Nahen Osten. Zum Klimawandel. Zur Ernährung. Zur Erziehung.

Aber wie wäre es mit: Keine Ahnung .. ist mir auch egal.

Und das meine ich komplett unironisch. Das Recht auf Unwissenheit ist im Grunde das kostbarste Gut das du haben kannst. Weil jede Meinung die du dir bildest kognitive Bandbreite kostet. Und diese Bandbreite ist endlich.

Wenn du 2 Stunden am Tag damit verbringst Nachrichten zu konsumieren über Dinge die du eh nicht beeinflussen kannst .. dann sind das 2 Stunden die du verschwendest. Ich kenne dutzende von Leuten die sich extrem viel Gedanken machen bzw. geradezu Angst haben wenn sie schlechte Nachrichten hören. Immer muss man abwägen .. betrifft mich das, wie betrifft es mich, was kann ich machen?

Und bei 99% aller Nachrichten kannst du rein gar nichts machen.

#4 Zeitautonomie

Nicht falsch verstehen .. ich meine nicht Freizeit. Freizeit ist das was der moderne Mensch in seinen Kalender quetscht damit er zwischen 18:00 und 19:15 Uhr beim Mindful Ashtanga Yoga den Puls künstlich senken kann um am nächsten Morgen wieder performen zu können. Das ist keine Freizeit. Das ist Wartung am Humankapital.

Ich meine echte unproduktive Zeit.

Wann hattest du das letzte mal absolut nichts zu tun und auch nichts vor? Wann war dir das letzte mal langweilig?

Unproduktive Zeit ist heute fast schon ein subversiver Akt.

In einer Welt, in der jede freie Minute sofort mit Content-Konsum, Optimierungsmaßnahmen oder aktiver Erholung gefüllt wird, ist echtes Nichtstun .. das ziellose Verweilen, das Aushalten der Stille ohne Podcast auf den Ohren fast schon Widerstand.

Nichtstun und Langeweile sind Luxus.

#5 Unsichtbarkeit

Früher wollten alle gesehen werden. Aufstieg hieß Sichtbarkeit. Der dicke Wagen, das große Haus, der Titel auf der Visitenkarte.

Heute ist Sichtbarkeit ne Angriffsfläche. Wer sichtbar ist wird bewertet, kommentiert, gecancelt, kopiert, überwacht und mit Werbung bombardiert.

Luxus ist die Option das System zu nutzen ohne darin stattzufinden. Du musst kein Social Media pflegen, keinen WhatsApp Status aktualiseren, dich nicht ständig für deine Meinung rechtfertigen, die du ohnehin nur besoffen auf Twitter rausgehauen hast.

Früher war Abwesenheit gleichbedeutend mit Bedeutungslosigkeit. Wer nicht im Telefonbuch stand oder nicht auf der Party war, existierte quasi nicht. Heute ist Abwesenheit ein Privileg, keiner muss wissen was ich wann tue. Dann bekomme ich auch keine blöde Frage wenn man auf Strava sehen kann dass ich während der Arbeitszeit Rad fahren war 😉

Warum fühlt sich dieser negative Luxus heute so erstrebenswert an?

Weil sich die Ökonomie der Knappheit komplett gedreht hat.

Das Grundproblem des menschlichen Überlebens ist gelöst.

Das was früher Luxus war, ist heute die Basisausstattung. Weil dieses materielle Niveau alle erreicht haben (oder erreichen können).

Luxus ist heute die Wahl zu haben bei diesem System mitzumachen oder auch nicht.



Kommentare:

  1. Thomas

    Danke, schöner Kontent @Getmad.
    Gute (und damit meine ich einfach gute) Finanzblogs in D sind auch mittlerweile Mangelware.
    Es wäre leicht, auch native englische gute (und damit meine ich gute) Blogs zu lesen, aber vieles ist einfach nur Gequarke und Verkaufe und ermüdende verlorene Zeit.

    Aber um auf Aktien zukommen, daher bin ich z.Bsp. auch bei LVMH stellvertretend für alle Old Luxery stocks eher skeptisch. Der Luxus von gestern ist NICHT der Luxus der jüngeren Generation und unserer Kinder und Enkel. Alkohol wird auch nie wieder wie früher in rauhen Mengen zum guten Ton gehören, Pernod, Diageo u.a, können ein Lied davon singen.

    Ich denke Reisen und Mobilität werden bleiben.
    Eigener Grund und Boden ist immer wichtig. Zeit für einen selbst,
    Selbstbestimmt zu entscheiden. Getmad hat sicher eine gute Wahrnehmung, aber möglicherweise etwas verzerrt und zu sehr auf sich selbst fixiert in Ermangelung einer eigenen Familie.
    Da bedeutet Luxus eine intakte Familie, alle sind gesund, man hat keine unüberbrückbaren Differenzen, man hält zusammen wie Pech und Schwefel, auch das ist manchmal Luxus, wenn man sich die vielen Patchworks anschaut.
    Finanzielle Sicherheit ist guter Luxus und ja, times are changing.
    Aber alles, was uns leise zum lächeln bringt, ist gut. davon bitte mehr, aber manches ist einfach unbezahlbar und auch gar nicht kaufbar.

  2. Helmuth

    Klasse geschrieben…Klasse Blog…einer von wenigen Blogs die lesenswert sind…Vielen Dank dafür und weiterhin viel Erfolg

  3. Tobi

    Da steckt viel Wahres drin, toll geschrieben!

  4. Jens

    Wirklich ein sehr schöner Artikel. Hat mir Spaß gemacht beim lesen.

    Was mich momentan eher umtreibt, wenn man nicht mehr selbstbestimmt entscheiden kann. Wenn man in ein Pflegeheim müsste. Das schöne hart verdiente Geld wird vom Sozialamt voll angerechnet. Alles für die Katz. Im Zimmer nebenan jemand, der nie gespart hat oder sich über irgendwas im Leben gedanken gemacht hat. Wenn man keine Kinder hat ein bitterböses Thema.

  5. Thomas

    Schon Martin Luther wusste:
    Aus einem verkniffenen Hintern kommt nie ein fröhlicher Furz.
    Wie kommt so ein Meaning in so einen Blog?
    es ist auch unser persönlicher Luxus, nicht verbiestert um die Kante zu ziehen. Das kostet nix. zu keiner Zeit.

  6. Max

    Ich nehme dir ab, dass du vieles, was du nicht beeinflussen kannst, heute ausblendest. Um da hin zu kommen, muss man tendenziell ja erstmal das Gegenteil tun: Karriere machen, „hyper-alert“ sein, Ja-Sagen und viel Quatsch erdulden. Das Gehirn wird auf diesem Weg verstrahlt und vermüllt. Sobald das Depot dann siebenstellig ist und man sich – so wie du – immer viel zu spät von dem Quatsch verabschiedet, nimmt man die „Verstrahlung“ ja dann doch leider auf die „andere Seite“ mit. Von außen betrachtet: du fährst Fahrrad, hast Computerspiele gezockt und schreibst gute / philosophische Blogbeiträge, die zum Mitdenken anregen. Das ist gut! Blöde Frage: bist du wirklich „clean“ – bist du die „Verstrahlung“ wirklich los? Ich für meinen Teil (Ü50, siebenstelliges Depot) richte mir gerade in einem Gartenschuppen für 25.000 Euro einen Simulator ein, mit dem ich dann bei iRacing am Porsche-Cup teilnehme, um mein verstrahltes Hirn irgendwie auszulasten. Ich bin jeden Tag zwei, drei Stunden mit dem Hund im schönsten Wald wandern. Komme gerade von einem VW-Bus-Roadtrip mit dem Hund von der Ostsee zurück. Habe die für mich perfekte KI-Investment-Radar-Geschichte gebastelt. Pflege regelmäßig meine Geo-Arbitrage-Fluchtpläne. Sitze jeden Tag in der Gartensauna, weil die besten Bio-Hacker darauf schwören. Meine Ernährung ist komplett durchoptimiert – inklusive monatlichem Wasserfasten. Und, ja, selbstverständlich ist die Sauna mit dem Internet verbunden, weil das meine Abläufe optimiert. Was ich sagen will: jeder, der es auf die andere Seite schafft, hat nach meiner Einschätzung ein verstrahltes Hirn. Da hilft dann auch kein Atem-Training oder Hatha-Yoga (mache ich auch!). Viele / alle (?) von „uns“ haben einen veritablen Dachschaden. Im Zweifel ist es dann halt der Ich-lasse-jetzt-los-Optimierungswahn. Meine Freundin hat gerade vorgeschlagen, ob wir vielleicht doch einfach saufen sollten. 🙂

  7. Tim

    Danke für deinen Kommentar Max 😀 musste am Ende richtig grinsen.
    ..und Danke für deine Website und ehrlichen Gedanken Mad!

  8. mad

    @Thomas

    danke für deine Sicht auf die Dinge, Gesundheit, Familie, ein gutes soziales Umfeld sind unbezahlbar .. meine Artikel sind natürlich subjektiv und oft decke ich viele Aspekt nicht ab .. sollen ja auch nur zum Nachdenken anregen

    @Helmuth, Tobi & Tim:

    Danke 😉

    @Jens

    ich war 13 Monate Zivi u.a. im Pflegeheim .. ich glaube wenn du dort landest ist Geld dein geringstes Problem .. und irgendwer muss das ja auch bezahlen ..

    @Thomas

    LMAA Quote als Performance Indikator?

    @Max

    🙂 .. bester Kommentar .. willkommen im Club .. ne frei davon bin ich auf keinen Fall .. man kann nur schwer ablegen was man 30 Jahre eingetrichtert bekam .. oder wegen mir auch angenommen hat .. aber ich mache kleine Schrittchen .. es muss nicht mehr alles perfekt sein, es ist okay Zeit zu verplempern .. ich schreib so Zeug ja auch auf um es mir vor Augen zu führen

  9. Plutusandme

    Dem ist nichts hinzuzufügen!
    Wir haben vor Jahren das Wandern für uns entdeckt, mit Rucksack und über mehrere Tage in freier Natur.
    Am Anfang wurden wir gefragt:
    „ Ja, was erzählt Ihr Euch denn den ganzen Tag?“
    Unsere Antwort: „ Manchmal gar nichts, aber nur, wenn ich ausreden darf“.

    LG Fam. Plutusandme

  10. Michael

    Zu dem „Nein“-sagen: versucht man, es jedem immer Recht zu machen und/oder Erwartungen zu erfüllen (=ja), bleibt man oftmals selbst auf der Strecke oder verliert seine Glaubwürdigkeit. Je nach dem.

    Man muss auch in der Lage sein, die Linie zu ziehen (=nein). Das ist ein wichtiger Punkt, den jeder für sich lernen muss. Sonst trägt man zu viele Masken und verliert dabei sein Gesicht.

    Vielen Dank für Deinen Artikel,
    Michael

Du hast auch was zu sagen: