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12. Juli 2022

Tagebuch eines Bärenmarktes #6 – Machtprojektion

Letzte Woche hat sich die Abwärtsspirale an den Märkten etwas abgekühlt. Haben wir die Talsohle erreicht?

Ich weiß es natürlich nicht.

Der US Dollar hat am 12.07.2022 das erste mal seit 20 Jahren Parität zum Euro erreicht. Ein USD ist nun also einen Euro Wert.

Zum Vergleich: Anfang 2021 war ein USD nur 82 Euro Cent wert.

Internationale Anleger flüchten aus dem Euro in den USD .. dort gibt es schließlich mehr Zinsen. Da die EZB nicht ohne weiteres an der Zinsschraube drehen kann ohne z.B. Italien in Zahlungsschwierigkeiten zu bringen.

Die Rezessionsangst im Euro Raum ist ebenfalls weit größer als in den USA, da wir an russischen Gas Lieferungen hängen und wenn der Gashahn zugedreht wird bzw. die Preise steigen haben, nicht nur Haushalte die mit Gas heizen ein Problem sondern ganze Industriezweige (BASF).

Das „könnte“ zu einem massiven Wirtschaftsabschwung in Europa führen.

Die USA (im Gegensatz) stellen 70% ihrer verbrauchten fossilen Brennstoffe selbst her .. also Gas, Öl, Kohle. Nur etwa 30% müssen importiert werden. Importiert wird das vornehmlich aus Kanada und Mexiko .. da besteht kein Risiko eines Lieferstopps.

Steigen die Ölpreise weiter lohnt sich die ganze Fracking Geschichte natürlich auch wieder.

Im Gegensatz importiert Deutschland über 90% des Öls und des Erdgases. Und wie ihr alle wisst kommt zumindest beim Gas 35% aus Russland.

Andrea hat einen interessanten Kommentar hinterlassen auf welchen ich eingehen will:

Ich habe für mich festgestellt, dass ich nur noch in Ländern anlegen werde die effektiv ihre Macht projizieren können. Länder die in der Lage sind, ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen UND die keine brutalen wirtschaftlichen Abhängigkeiten haben.

Die Abhängigkeit der USA von China ist dabei natürlich ein Problem. Aber genau so ist China aktuell von den USA abhängig bzw. die Welt von China abhängig .. damit muss ich leben.

China ist dabei für mich allerdings keine Option um in dortige Firmen zu investieren .. ich traue der KP so gar nicht und es gibt keinen juristischen Weg wie z.B. ein demokratischen Ländern. Was die KP beschließt ist Gesetz.

Der Weg den die USA derzeit innenpolitisch einschlägt gefällt mir aber auch nicht (Trump, Abtreibungen, Stärke der Demokratie) .. allerdings konnte man sich immer drauf verlassen, das die Wirtschaft in den USA an Nummer 1 steht. Egal ob Republikaner oder Demokraten im weißen Haus sitzen.

So krass es sich anhört .. aktuell lebe ich in Europa am besten. Mein Geld arbeitet in den USA, ich muss mir aber den dortigen Schwachsinn nicht geben. Ich kann mich drauf verlassen, dass sich die USA von niemandem auf der Nase rumtanzen lassen (12 Flugzeugträger) .. und zumindest wirtschaftlich sich zur Wehr setzen (ASML darf keine EUV Anlagen nach China liefern).

Ist sicher zu kurz gedacht .. aber die Welt ist mittlerweile so verrückt, dass man sowieso nicht weiß was in drei Monaten ist.

Wenn das alles etwas Gutes hat und wenn wir optimistisch nach vorne blicken, haben wir in Europa sicher ein paar schwere Jahre vor uns, bis wir selbst massive wirtschaftliche Abhängigkeiten von Bananenrepubliken (Russland ..) reduziert haben und wir uns vielleicht zusammen mit der NATO entschließen das militärische Bündnis auch auf ein wirtschaftliches Bündnis auszudehnen.

Also eine Allianz in der die (letzten einigermaßen) demokratischen Staaten auch wirtschaftlich sich Rückendeckung geben und sich gegenseitig helfen wenn sie von Diktaturen „angegriffen“ werden.

Das wäre doch mal was.

Update:

Hier eine Erklärung von Mike zum Thema Wechselkurse

Wechselkurse und Ihren Einfluss auf das Zahlenwerk 

In den letzten Monaten hat sich der Wechselkurs des Dollars stark in Richtung Parität entwickelt. Was für den Aktionär von amerikanischen Unternehmen im ersten Anblick vorteilhaft ist, da die Bewertungsgewinne sich auch im Aktienkurs widerspiegeln, könnte aber auf anderen Ebenen negativ werden.

Ich möchte mich hier auf die Berichterstattung konzentrieren. Grundsätzlich gilt, jeder Konzern wählt seine Konzernwährung nach den Vorschriften seiner Rechnungslegung. In Europa üblicherweise der Euro, in den USA der Dollar. Das bedeutet allerdings auch, das sämtliche Tochterunternehmen, die mit ihren Einzelbilanzen in die Konzernbilanz aufgehen, auf die Konzernwährung umgerechnet werden müssen.

Vereinfacht und weil die meisten in amerikanische Unternehmen investiert sind, nehmen wir einen amerikanischen Konzern mit einer deutschen Tochter. Für die Bewertung der Gewinn und Verlustrechnung wird typischerweise der Durchschnittskurs des Berichtszeitraums verwendet.

Der Ergebnisbeitrag der deutschen Tochter entwickelt sich also, wie folgt bei diesen beispielhaften Wechselkursen.

1 Euro =1,20 US Dollar1 Euro = 1,05 US Dollar1 Euro = 0,95 US Dollar
EuroUS DollarUS DollarUS Dollar
Umsatz10012010595
Kosten80968476
Gewinn20242119

In der Konzernbilanz werden die Ergebnisse aller Töchter in Konzernwährung aufaddiert und dann um konzerninterne Geschäfte verringert (sehr vereinfacht gesprochen). Aber klar erkennbar ist, sollte euer Konzern viel Geschäft mit Europa machen, so kann allein durch den Wechselkurs der Gewinn geringer ausfallen, aber auch andere Kennzahlen wie Umsatzwachstum etc. 

Gegenläufige Effekte wie das Absichern der Währungskurse, Tochterunternehmen in anderen Währungsgebieten können zu einer Aufrechnung führen.

Insofern können wir alle gespannt sein wie und ob es sich im zweiten Quartal auswirkt.

Kommentare:

  1. Alf

    Matthias, ich bin da voll bei Dir! Daumen hoch für Deine Sichtweise der Dinge.

    LG Alf

  2. Andrea Ge

    Hi Matthias,

    danke für das Aufgreifen meiner Frage!
    Und auch für das Update mit der Erklärung von Mike!

    Ja, die Welt ist schon ziemlich verrückt geworden und ich glaube, das wird für die nächsten paar Jahre erstmal so bleiben, in welchem Ausmaß auch immer.

    Ich würde auch tatsächlich erstmal weiterhin auf die USA setzen, da sie tatsächlich – wie Du schreibst – die Wirtschaft als Priorität setzen, unabhängig von anderen Fragen, die eher Richtung konservativ-fundamentalistisch gehen. Bei uns ist ja so eine pol.-gesellschaftliche Tendenz auch nicht ganz von der Hand zu weisen mit den ultrarechten Parteien, leider.

    Und die militärische Dominanz der USA ist in der Tat ein Argument, wie auch immer man dazu stehen mag. Aber ein Staat muß sich wenn nötig verteidigen können. Man sieht es grad in der Ukraine. Das hätten wir mE in Deutschland nicht hinbekommen und wären schon plattgemacht worden – wohlgemerkt bei ähnlichen Bedingungen. Da wir ein NATO-Staat sind, sind die Bedingungen natürlich nicht vergleichbar.

    Wobei ich Europa aus Anlagesicht nicht als uninteressant sehe – auch wenn ich zunächst mal Scholz nicht viel zutraue. Vielleicht täusche ich mich da, er darf sich gern beweisen.
    Also vielleicht ein paar andere Länder. Frankreich? UK? Beide haben auch so ihre Probleme…

  3. Covacoro

    Wenn die Nacht am Dunkelsten ist, ist der Morgen nicht mehr fern…

    Wenn alle in die US-Aktien und -Treasuries flüchten, entsteht das größte Kurspotenzial in Europa (jedenfalls außerhalb der USA)! Die Flucht in den USD ist so offensichtlich, dass der Trend noch eine Weile anhalten kann. Bis das Pendel um so heftiger zurückschnappt.

    Antizyklisch und konträr gedacht: Jetzt ist die Zeit auf europäische und deutsche Werte zu setzen, wenn man 3 bis 5 Jahre Zeit-Horizont mitbringt. Erst kommen die Schmerzen, dann das Geld … sagte schon Kostolany 🙂

  4. Thomas

    Mal ein Gedankenexperiment zum Bärenmarkt. Wer`s zum Gähnen findet, weil es ein gaanz alter Hut ist, muss es ja nicht lesen.
    Wir sehen auf unserem Ticker, die Kurse fallen allgemein -10% und denken wie schlimm! Wir sehen -20% und denken, jetzt kommt es aber ganz dicke.
    Wir sehen -30% und denken, jetzt ist es aber aus und zu Ende. Trotzdem findet jeder Verkauf nur statt, wenn sich auf der Gegenseite ein Käufer findet, der sich auch was dabei denkt.
    Mich interessieren jetzt die Menschen, die am absoluten Tief vom Bärenmarkt die Gesamtheit aller Aktien dann besitzen. Wenn man von liquidierten Gesellschaften absieht, sind doch alle Anteilsscheine/Aktien immer noch da. Wo das Tief ist, wissen wir immer erst hinterher.
    Und man darf nie vergessen, das Kurse IMMER von Menschen gemacht werden und nicht von Maschinen/Computern. Menschen besitzen und benutzen diese Computer nur. Verkaufen und Kaufen, das machen immer einzelne Personen.
    Die Leute, die dann am absoluten Tief die Gesamtheit der Aktien besitzen, das sind die coolsten, ausgebufftesten, abgebrühtesten und cleversten Hunde. Das sie es sind, das wissen die auch nicht, denn es weiß ja keiner, wo das das Tief ist.
    Aber sie werden von jetzt an die beste Performance aller Marktteilnehmer machen. Wer das ist, ob es Warren Buffet, ein verschwiegener Wealth Management CEO, ein US Pensionsfondsmanager, ein abgebrühter Blogbetreiber auf Reddit oder Insta von “ Aktiengeflüster, garantierter Erfolg“, ein KI – Programmierer
    oder einfach nur Du oder ich oder sonst ein Kleinanleger, der einfach nur ausgehalten hat, ist völlig egal. Das sind die Menschen, die den geringsten Handlungszwang (höchstens zum Kaufen) und den niedrigsten Verkaufsdruck haben.
    Und ich möchte eigentlich auch mit mehr Aktien aus dem Bärenmarkt herauskommen, als ich hereingegangen bin. Grüße @alle Leser hier.

  5. Andrea Ge

    Fnde ich gut, Thomas. Ich verkaufe auch nicht.
    Zum Kaufen fehlt mir grad das Kleingeld,aber sobald es geht, und solange die Preise OK sind, mach ich das sofort wieder.
    Im Moment läuft nur ein Sparplan für einen ETF.

  6. DerFinanznomade

    Finde den Kommentar von Thomas (4) auch sehr gut.
    Genau so denke ich auch – für jeden Verkäufer gibt es irgendwo einen Käufer – und das bin auch gerne ich 🙂

    Wenn man nur ausschüttende Aktien oder ETFs kauft, dann kann man sich aktuell relativ günstig zukünftiges passives Einkommen einkaufen.

    Ich denke generell, dass man mehr auf den Cashflow als auf Kursgewinne achten sollte. Denn wenn man gar nicht vorhat zu verkaufen, was bringen einem dann die Kursgewinne?

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