getmad der perverse ist wieder da
18. Juni 2019

Disguise

Hier hatte ich ja euch Leser gefragt ab welchem Betrag ihr der Zeche den Rücken kehrt. Es sind ein paar spannende Antworten dabei. Das alles ist jetzt nicht repräsentativ (ist mir schon klar). Aber zwei Dinge sind für mich irgendwie ersichtlich.

Die Frage: Was mache ich mit meiner freien Zeit bzw. wie beschäftige ich mich?

Die Überlegung: Unterschiedliche Lebensentwürfe bedeuten unterschiedlichen Kapitalbedarf.

Die erste Frage stellt sich mir nicht. Mir ist nie langweilig .. ganz im Gegenteil. Mir fehlt oft die Zeit das tun was mir alles im Kopf rumspukt. Einige von euch hatten ja geschrieben, dass sie die Arbeitszeit reduzieren würden um z.b. die Krankenversicherung nicht komplett privat tragen zu müssen. Macht durchaus Sinn und ist ja auch schön, bedeutet doch auch das diese Leute ihren Job zum Großteil gerne machen.

Andere würden sich (weit mehr) im Verein, Politik oder bei Non Profit Organisationen engagieren.

Natürlich gibt es auch noch jedem Menge Orte auf der Welt zu entdecken.

Wenn ich Leuten erzähle das ich mir vorstellen könnte meinen Job an den Nagel zu hängen stellen sie mir oft die Frage: „Und was machst du dann den ganzen Tag? – Mir wäre da ja total langweilig.“

Ich finde die Frage bzw. den Satz „Mir wäre dann ja langweilig“ ziemlich verstörend. Impliziert das doch, dass diese Menschen ohne ihren Job keine Ideen hätten was sie sonst tun sollten.

Ich frage mich oft ob die Wahrnehmung hier noch stimmt .. bin ich mehr als mein Job? Bin ich weniger? Was bin ich? Was will ich sein?

Abgedroschen aber dennoch wahr: Von innen sieht das Hamsterrad wie eine Karriereleiter aus.

Du erreichst Ziele im Job, du bekommst mehr Gehalt, du wirst befördert, du gewinnst neue Aufträge, du planierst den ganzen Laden und sparst deinem Chef ein Heidengeld ein usw.

Alles toll und prima, alles kann dir Befriedigung bringen .. doch tust du es nicht für dich .. sondern für den oder die Besitzer der Firma. Der Laden verdient nur Geld wenn sie mit deiner Arbeitsleistung und deinen Ideen, deinem Engagement mindestens doppelt soviel Kohle scheffeln (oder sparen) wie sie dir bezahlen. Wieso sollten die dich sonst beschäftigen.

Auch das kann dir egal sein, dein Gehalt stimmt, die Überstunden sind im Rahmen und die Kollegen nett.

Super.

Dann bleib dort und mach weiter, Freizeit oder Freiheit ist nichts für dich.
Manche brauchen ihre Ketten.

Resignation?

Nein .. nicht bei mir .. aber weder kann ich mich in jedem Menschen hineinversetzen noch maße ich mir an zu wissen was gut für andere Menschen ist.

Du must am Ende selbst rausfinden was dich glücklich macht.

Zum Thema Kohle:

Auch hier kann ich nicht für viele Menschen sprechen. Die meisten mit denen ich über die letzten Jahre geredet habe glauben, das sie mit 1500 Euro / Monat über die Runden kommen. Auch hier lebe ich wahrscheinlich in einer Filterblase aber für mich ganz persönlich erscheint mir der Betrag realistisch. Mir ist durchaus klar das es mit drei Kindern und als Alleinverdiener in München, Frankfurt oder Hamburg nicht reichen wird. Während ich in Mecklenburg auf dem Land ne Großfamilie durchbekomme.

Und warum habe ich nun die Frage gestellt?

Mein Kapital erreicht gerade die Schwelle die für „mich“ reichen würde.

Ich habe heute einen Depotwert von 450.000+ Euro.
Ich kassiere dieses Jahr 13.000+ Euro an Dividenden (netto).
Eine Entnahmerate von 2% wären 9000 Euro.
(Meine Nebeneinahmen lasse ich außen vor.)

13.000 + 9000 Euro = 22.000 Euro.

Oder 1800 Euro im Monat / netto.

Kommentare?

Kommentare:


  1. Daniel

    Glückwunsch.
    Tu es! Trau dich.
    Dann hast du mehr Zeit für verstörende YouTube Videos 🙂

  2. SeePaddler

    Sieht gut aus bei Dir, bin gerade in ähnlichen Gedanken…

    Mein Depot ist nur halb so groß, dafür hat’s noch zwei Wohnungen in der Hinterhand die ggf. mal verkauft werden und das ETF/Aktien Depot aufstocken.

    Ich gebe mir noch max. zwei Jahre… (bin jetzt 53) und bereits auf 80% Teilzeit (30h die Woche).

    Go for it…!!!

  3. Gabriela

    „Du must am Ende selbst rausfinden was dich glücklich macht.“ Klingt einfacher als es ist. Nicht jeder ist dazu in der Lage, diese Frage ehrlich für sich zu beantworten. Kannst du es?

  4. Maurice

    Ich würde auch mit 1500€ auskommen, aber wenn man die Krankenversicherung komplett selbst bezahlt, dann wohl eher nicht.

    Mit wie viel Mehrausgaben muss man rechnen, wenn man die Krankenversicherung selbst bezahlt?

  5. Garnix

    Hallo.

    Meine spontanen Gedanken und Fragen:

    1. Wie siehts mit der Krankenkasse aus? Alles schon im Budget?
    2. Wie steht’s um die Wohnsituation? Wie würdest du mit Mietsteigerungen umgehen?
    3. Reicht die Kohle für den neuen Lebensstil – so mit reisen?
    4. Was machst du, wenn die nächste Lebensabschnittspartnerin Drillinge bekommt? Kommst du wieder in den Job rein?
    5. Gibt es sonst Personen, die du ggf. gerne irgendwann finanziell unterstützen würdest (Eltern)?
    6. Gibt es sonst größere Anschaffungen, die unerwartet oder geplant abgedeckt werden müssen – Auto oder sowas?
    7. Besteht die Möglichkeit, ein Sabbatical mit dem aktuellen Arbeitgeber auszuhandeln, um erstmal zu „üben“?
    8. Wie kämst du psychisch klar, wenn dein Depot 50 % in die Knie geht?

    Viele Grüße
    Garnix

  6. Nero

    Hey Matthias,

    herzlichen Glückwunsch zum erreichen der „Schwelle in die Freiheit“.

    Meine Lehrerin hat immer gesagt man ist erst erwachsen wenn man den ganzen Tag etwas mit sich selber anfangen kann. Ich finde da hat sie Recht.

    Ich glaube inzwischen die meisten Leute raten davon ab aus dem Berufsleben auszusteigen weil sie es sich gar nicht vorstellen können. Bzw. weil sie sich gar nicht vorstellen können zu so einem Vermögen zu kommen dass das ermöglicht. Insofern würde ich sagen… man schwimmt oft besser gegen den Strom. 🙂

    Ansonsten schließe ich mich Garnix an. Die Liste könnte man mal abarbeiten bevor es dann endgültig los geht.
    Zu 7. noch: Anstelle des Sabbaticals alternativ erstmal radikal reduzieren in betracht ziehen?
    Oder… wenn du aktuell einfach noch Bock hast zu arbeiten… Warum das Depot nicht weiter wachsen lassen?

    Viele Grüße

  7. Robitobi

    Hi!

    Ich würde zuerst einmal Teilzeit probieren. Da sieht man einerseits, ob man mit weniger Geld auskommt, andererseits schnuppert man schon in mehr Freizeit bzw. selbstbestimmte Zeit hinein. Mache ich auch schon seit Jahren. Zum letzten Schritt (Kündigung) kann ich mich aus diversen Gründen noch nicht durchringen, andererseits baut sich so das Depot noch länger auf und man ist krankenversichert. Das Gefühl, dass ich jederzeit könnte wenn ich wollte reicht mir momentan.

    Je größer das Depot, desto mehr Reserven für Unvorhergesehenes. Das kann ein Aktiencrash sein, aber auch Studium der Kinder, Pflege der Eltern usw. Die Frage bei einem 50% Einbruch stelle ich mir auch öfters. Deshalb hab ich noch Reserven in Staatsanleihen und Gold für ca. 2-3 Jahre, um in diesen Zeiten das Depot nicht aufzubrauchen.

    Und gratuliere dir zu ca. 3% Nettorendite, Respekt!

  8. Blubber

    Hi Matthias,

    ich lese hier seit ein paar Monaten still mit und bin in einer ungefähr ähnlichen Situation wie du. Hier meine bescheidene Meinung for your consideration.

    Bei der großen Frage „bleib ich im Job oder reicht es“ wird es immer gute Argumente für beide Seiten geben. Absolute Sicherheit ist leider grad ausverkauft. 😉 Ein vernünftiger Gradmesser, der zur eigenen Risikotoleranz passt, ist viel wert; dazu der Entscheidung mindestens ein paar Monate Zeit zu reifen geben (hat du sicher gemacht, vermutlich eher Jahre). Aber irgendwann hilft nur noch ein mutiger Entschluss…

    Nach Gesprächen mit mehreren Leuten in ähnlichen Situationen, sehe ich den frühen Abschied aus dem Angestelltenerwerbsleben mittlerweile eher als Schritt in die (Teilzeit-)Selbstständigkeit für einen sehr konservativen Menschenschlag an. Fast jeder verdient nebenbei ein wenig dazu (übrigens auch klassische Altersrentner), viele in einem selbstständigen Vehikel. Wenn man die Rahmenbedingungen und dem zeitlichen Umfang großenteils selbst definiert, ist freiwillige Arbeit gar nichts schlechtes!

    Finanziell finde ich deinen Plan einerseits deutlich risikofreudig und andererseits ziemlich defensiv. Ich hoffe, es gilt in diesem Kreis nicht als ketzerisch, aber nehmen wir mal den Total Return Ansatz (Stichwort „4%-Regel“) als Gradmesser für deine Zahlen. Das hieße, 450k*4%/12=1500 monatlich brutto. Das ist wesentlich weniger als deine 1800 netto. Sehr „Pi mal Daumen“ schließe ich, dass deine Strategie also deutlich riskanter sein „muss“ als der 4%-Ansatz. (Und für einen Zeithorizont von, sagen wir, 50 Jahren sind auch die 4% keineswegs sicher, eher so um die 3% – hieße 1125 brutto, runden wir auf 1100.)

    Andererseits sind da ja die wunderbaren „Nebeneinnahmen“. (Und vermutlich hast du auch noch erhebliche Rentenansprüche, vielleicht so 500-1000 im Monat (??), ab 67 als zusätzlichen Spielraum / Sicherheit im Alter.) Du könntest also z.B. nur die 1100 brutto monatlich als „sicheres“ passives Einkommen ansehen und die übrigen Ausgaben mit Nebeneinnahmen auffüllen. Wenn jetzt noch die 1100 zur Not reichen würden, um zu (über-)leben, so sind die Nebeneinnahmen kein Muss, sondern reiner Luxus. Wenn’s halbwegs gut läuft an den Märkten, so werden die 3% sehr defensiv sein und das Portfolio wird wahrscheinlich weiter wachsen, die Nebeneinnahmen werden also zunehmend optional.

    Bottom line eine andere Sichtweise mit ziemlich demselben Schluss: dein Job ist wahrscheinlich optional.

    Damit das hier nicht zu lang wird, belasse ich’s mal bei dieser Vogelperspektive. Falls du Interesse an einem Sparring Partner hast oder dich meine Sichtweise genauer interessiert, so lade ich dich herzlich zu einem Gespräche ein – du hast meine E-Mail-Adresse…

    Sommerliche Grüße

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